Was ist das Wichtigste im Glauben?

Was würden Sie antworten, wenn Sie von jemandem gefragt würden: Worauf kommt’s im Glauben zuallererst und zutiefst an?

Die Frage nach dem Wichtigsten im Glauben wurde sinngemäss bereits Jesus einmal gestellt:

«28 Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? 29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und deiner ganzen Kraft.31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.» (Markusevangelium 12,28-31)

Wie kommt Jesus auf diese Antwort, auf das sogenannte Doppelgebot der Liebe? Die kursive/schräge Schrift in den Bibelausgaben macht deutlich, dass Jesus hier aus dem Ersten/Alten Testament zitiert, genauer aus der Torah: Das Gebot der Gottesliebe steht im Buch Deuteronomium 6,4-5 und ist als «Schema Israel» («Höre Israel») ein zentrales jüdisches Gebet bis heute. Die Aufforderung zur Nächstenliebe steht im Levitikusbuch 19,18 und wird in 19,33-34 auf die Liebe zum Fremden angewandt.

Indem Jesus nach dem Wichtigsten gefragt mit zwei Zitaten aus der Torah antwortet, wird in aller Deutlichkeit klar: Jesus war Jude und das Erste/Alte Testament ist für Jesus und seine Jünger*innen das Wort Gottes. Man kann Jesus Christus und seine Botschaft daher nur adäquat verstehen, wenn man das Erste/Alte Testament kennt und wertschätzt, wie Jesus es als Wort Gottes kannte und wertschätzte.

Gemeinsamer Glaube an den einen Gott

Dies zu betonen und anzuerkennen ist für Christ*innen entscheidend wichtig: Denn viele Jahrhunderte wurde vergessen und verleugnet, dass Jesus Jude war, dass das Erste/Alte Testament eine dem Neuen Testament theologisch gleichwertige Heilige Schrift ist und dass Gottes Bund mit dem jüdischen Volk auf immer besteht.1Es gab schon in der Alten Kirche und dann besonders ab der Zeit des ersten Kreuzzugs (1096 n. Chr.) einen christlichen Antijudaismus, der – verbunden mit den jeweiligen staatlichen Mächten und den wirtschaftlichen Interessen – zu schrecklichsten Judenverfolgungen und Genoziden führte, bis hin zum Holocaust / zur Schoah, der systematischen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten im 20. Jh. n. Chr.

Erst im nachträglichen Erschrecken über diesen katastrophalen Genozid und die Mitverantwortung durch christlichen Antijudaismus begannen sich die christlichen Kirchen wieder auf das zu besinnen, was schon der Apostel Paulus im Römerbrief geschrieben hatte: Der christliche Glaube ist aus dem jüdischen Glauben heraus und unauflösbar verbunden mit ihm entstanden. Paulus braucht dazu einen bildlichen Vergleich: Das Judentum ist wie ein Baum, aus dem das Christentum wie ein neu entstehender beziehungsweise aufgepfropfter Ast gewachsen ist. Gottes Berufung und Gnade gegenüber dem jüdischen Volk sind unauflöslich (vgl. Römerbrief 11; aufgenommen vom Zweiten Vatikanischen Konzil, Nostra Aetate 4, und weiteren kirchlichen Stellungnahmen). Auf dieser Linie betonte auch Papst Franziskus die Wertschätzung und Verbundenheit mit den Menschen jüdischen Glaubens:

«Wir glauben gemeinsame mit ihnen an den einen Gott, der in der Geschichte handelt, und nehmen mit ihnen das gemeinsame offenbarte Wort an.»2

Der Text «Höre Israel» aus Deuteronomium 6,4ff.

Liebe zu Gott?

Gemeinsam am jüdischen und christlichen Glauben ist auch die Aufforderung zur Gottes- und Nächstenliebe. Doch was meint Gottes- und Nächstenliebe inhaltlich?

Die Liebe zu Gott wird im Ersten Testament zumeist ganz konkret verstanden: Die ethischen und religiösen Weisungen der Torah sollen mit «Herz, Verstand und Hand» beachtet und befolgt werden, sie sollen im alltäglichen Leben relevant sein und auch den Nachkommen weitergegeben werden (vgl. Deuteronomium 6,4-9). Die grundlegendsten Weisungen Gottes sind dabei die «Zehn Worte/Gebote», welche ein achtsames und respektvolles Verhalten sowohl gegenüber Gott als auch gegenüber dem Mitmenschen sowie gegenüber den Tieren verlangen: den Schabbat halten als Ruhetag für alle, auch für die Tiere; nicht töten; nicht stehlen; nicht lügen usw. (vgl. Deuteronomium 5,6-22). An erster Stelle der «Zehn Worte/Gebote» wird verlangt, am Glauben festhalten, dass Gottaus jeder Sklaverei befreit. «Lieben» soll man nicht Geld und Besitz («Mammon») oder Macht, nicht einen einzelnen König (Herrscher, Präsidenten, CEO…), ein Idol oder eine Ideologie, sondern eben diesen Gott der Befreiung, der Gerechtigkeit, des Friedens.

Dankbarkeit

Wenn wir von den Psalmen, dem alttestamentlichen Gebets- und Gesangsbuch, her fragen, so meint die Liebe zu Gott ganz grundlegend eine Dankbarkeit für das Leben an sich. Denn das Leben ist nichts Selbstverständliches: dass es das Universum, die Erde, alle Lebewesen und Lebensgrundlagen gibt und es nicht vielmehr nichts gibt, ist nicht selbstverständlich. Und für dieses Leben, das in staunenswerter Vielfalt und im wunderbaren Zusammenspiel sich entfaltet, danken die Psalmbeter*innen Gott:

«4 Sehe ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigst: 5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?» (Psalm 8,4-5)

«1 Preise Gott, meine Seele! Gott, mein Gott, überaus gross bist du! … 30 Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.» (Psalm 104,1.30)

Diese Dankbarkeit für das Leben, führt für mich zu Achtsamkeit und Respekt gegenüber allen anderen Lebewesen sowie gegenüber dem eigenen Leben. Allem Lebensfeindlichen soll widerstanden werden. Wenn irgendwelche politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Mächtigen etwas Lebensfeindliches verlangen, so soll dem widerstanden werden, so soll dem eigenen Gewissen – Gottes Stimme in unserem Innern – gefolgt werden.3

Menschen demonstrieren im Juni 2019 in Amsterdam für die Freilassung von Kapitänin Carola Rackete, welche 53 geflüchtete Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Tod rettete – und in Italien verhaftet wurde.

Was heisst Nächstenliebe?

Bereits die Frage nach der Liebe zu Gott machte klar, dass diese unauflösbar mit der Liebe zum Mitmenschen verbunden ist. Im Matthäusevangelium wird sogar formuliert, das Gebot der Nächstenliebe sei dem Gebot der Gottesliebe «gleich» (grie. homos,Mattäusevangelium 22,39).

Im Lukasevangelium wird die Frage aufgeworfen: «Und wer ist mein Nächster?» Darauf antwortet Jesus mit einer Erzählung über einen «barmherzigen Samariter» (Lukasevangelium 10,29-27): Ein Mensch wird auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho überfallen und zusammengeschlagen. Er bleibt schwer verletzt liegen. Ein Priester und ein Levit gehen vorbei, ohne ihm zu helfen. Doch ein Mensch aus Samaria4 leistet konkrete Nothilfe: Er verbindet den Verletzten, bringt ihn in eine Herberge und sorgt für ihn.

Der «Nächste» ist also jener Mensch, der meine Zuwendung, meine Unterstützung, meine Compassion ganz konkret braucht. Die Beispielerzählung Jesu ist also ganz praktisch orientiert. Zudem ist sie provozierend: Einerseits, weil zwei Leute, die von Berufs wegen fromm sein sollten (Priester und Levit), vorübergehen. Andererseits, weil ausgerechnet ein Samariter/Samaritaner richtig handelt und konkrete Hilfe leistet. Die Samaritaner wurden zur Zeit Jesu von den meisten Jüd*innen religiös nicht anerkannt oder gar abgelehnt. Doch in Jesu Erzählung verwirklicht gerade ein Samaritaner die Nächstenliebe.

Ferdinand Hodler: Der barmherzige Samariter (1885 n. Chr.)

Goldene Regel – aktiv umsetzen

Ganz einfach gesagt, wird mit dem Gebot der Nächstenliebe dazu aufgefordert, die sogenannte Goldene Regel sowohl im konkreten, alltäglichen Leben als auch in gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht umzusetzen. Und zwar nicht nur in der passiven Formulierung: «Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu», sondern ebenso und wohl noch viel mehr in der aktiven Formulierung:5

«Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.
Denn darin besteht das Gesetz [die Torah]
und die Propheten [die alttestamentlichen prophetischen Schriften].»
(Matthäusevangelium 7,12; zudem im Lukasevangelium 6,31)

Kapitänin Carola Rackete rettete im Juni 2019 auf dem Mittelmeer 53 geflüchtete Menschen vor dem Tod – und wurde in Italien verhaftet.
  1. Vgl. ausführlich Karl Heinrich Rengstorf / Siegfried von Kortzfleisch (Hg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen, 2 Bde., München 1988; für einen Überblick André Flury: Erzählungen von Schöpfung, Erzeltern und Exodus (STh 1,1), Zürich 2018, S. 251-271.
  2. Papst Franziskus: Evangelii gaudium – Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute, Rom 2013, Absatz 247.
  3. Vgl. zum Beispiel die Retterinnen im Exodusbuch: André Flury: Die Retterinnen, auf: https://www.glaubenssache-online.ch/2018/09/05/die-retterinnen/ (5.9.2018).
  4. Samaria ist eine Stadt und ein Gebiet nördlich von Juda.
  5. Bildnachweise: Titelbild und Bild 5: Reuters/Guglielmo Mangiapane; Bild 2 wikicommons; Bild 3 Alamy/W208XM; Bild 4 wikiart, public.

der / die / das Böse

Es gehört zum Genre des Films, dass der Bösewicht, aus dessen Fängen James Bond einmal mehr die Welt rettet, unverkennbar ist. Das Böse…

Weiterlesen

Kommentare

Noch keinen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.