Gottes Ebenbild – der Mensch in der Schöpfung

Der Bibel wird heutzutage oft vorgeworfen, sie hätte ein «negatives Menschenbild», sie würde den Menschen immer nur «kleinmachen» und als «armes Sünderlein» sehen. Wenn man jedoch die erste Schöpfungserzählung im Genesisbuch liest, so ist das Gegenteil der Fall!

Wie auf glaubenssache-online schon beschrieben, ist die erste Schöpfungserzählung (Genesis 1,1-2,4a) wahrscheinlich in einer grossen Krisenzeit, während oder kurz nach dem Babylonischen Exil (587-539 v. Chr.), geschrieben worden:1 Die Grossmacht Babylon hatte Jerusalem und seinen Tempel zerstört und dabei tausende Jüd*innen umgebracht oder nach Babylon verschleppt. In dieser Zeit formulierten Menschen jüdischen Glaubens ihr tiefes Vertrauen in Gott: Trotz aller gegenteiligen Erfahrungen hoffen und glauben sie, dass der Ursprung der Welt und aller Lebewesen gut ist, dass Gott alles gut, ja sehr gut erschaffen hat.

Die Erschaffung des Menschen wird in dieser Schöpfungserzählung mit folgenden Worten beschrieben:2

«26 Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild [hebräisch zäläm], uns ähnlich […] 27 Und Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn; männlich und weiblich erschuf er sie.» (Genesis 1,26-27)

In der Bibel wird also gleich zu Beginn die Überzeugung vertreten, dass der Mensch von Gott als «Bild Gottes» erschaffen wurde (auch mit «Abbild Gottes», «Ebenbild Gottes» übersetzbar).

Was bedeutet «Bild Gottes»?

Der Ausdruck «Bild Gottes» greift auf altorientalische Königsvorstellungen zurück: Die altorientalischen Könige bezeichneten sich selbst als «Sohn Gottes» und damit als Stellvertreter Gottes auf Erden. In Ägypten trug der König seit der 1. Dynastie den Horusnamen, um zu zeigen, dass er den fernen Himmelsgott Horus (symbolisiert durch den Falken) auf Erden repräsentiert. Seit der 4. Dynastie (ca. 2500 v. Chr.) wurde der ägyptische König zudem als «Sohn des Re» bezeichnet, wobei Re als Sonnengott galt. In hellenistisch-griechischer Zeit wurde Alexander d. Gr. (356-323 v. Chr.) – ob schon zu Lebzeiten oder erst danach – sehr stark als göttlich verehrt. In der römischen Zeit bezeichnet z. B. eine Inschrift aus dem Jahre 48 v. Chr. Julius Caesar (100-44 v. Chr.) als den «sichtbar erschienenen Gott (Θεὸν ἐπιφανῆ) und allgemeinen Retter des menschlichen Lebens»3. Zahlreiche weitere Beispiele der Vergöttlichung von Königen könnten hier genannt werden. Auch biblisch ist in Psalm 2 die Vorstellung bekannt, der König Jerusalems sei der «Sohn Gottes» und «von Gott gezeugt».

Gott Ra (oder Re) und seine Tochter Göttin Maat, Malerei im Tal der Könige, Ägypten.

Gleiche Würde für ausnahmslos jeden Menschen

Das Besondere der ersten Schöpfungserzählung im Genesisbuch ist daher vor diesem Hintergrund, dass die Würde, ein «Bild Gottes» zu sein, hier nicht einem bestimmten König zukommt, sondern vielmehr jedem Menschen, Frau und Mann – und, wie heute zu ergänzen ist, allen Geschlechtsidentifikationen, die zwischen diesen beiden Polen männlich*weiblich liegen.4 Grösser kann man vom Menschen kaum denken! Die Metapher «Bild Gottes» spricht dem Menschen unter anderem folgende Würde, Fähigkeit und Verantwortung zu:

  • Der Mensch soll wie eine Art lebendiges «Götterbild» oder lebendige «Götterstatue» auf der Erde wirken – das heisst wie ein*e Stellvertreter*in des guten Schöpfergottes.
  • Der Mensch soll wie ein*e König*in die Lebensordnung der Erde sichern und schützen; denn ein altorientalischer König beanspruchte, den Menschen Recht zu sprechen und sie gegen innere und äussere Feinde zu beschützen; diese Aufgabe wird in Genesis 1 nun sozusagen demokratisiert und allen Menschen zugesprochen.
  • Der Mensch soll wie ein*e Verwandte*r (Sohn / Tochter Gottes) gelten und dementsprechend handeln.

 

Auswirkung auf die Beziehung von Mensch zu Mensch

Die Metapher «Bild Gottes» beinhaltet also sehr hohe Vorstellungen vom Menschen in seiner Beziehung zu Gott. Damit verbunden sind ebenso tiefsinnige Aussagen über das Verhältnis von Mensch zu Mensch: Alle Menschen haben dieselbe Würde. Es ist niemand weniger «Bild Gottes» als ein anderer. Damit wird aber die Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass auch die Menschen der anderen Kulturen und Religionen «Bild Gottes» sind. Besonders brisant ist diese Überzeugung, wenn wir uns die Entstehungszeit von Genesis 1,1–2,4a vor Augen halten: Selbst die feindlichen Babylonier, deren Streitmacht Jerusalem zerstörte und unzählige Menschen umbrachte und verschleppte, sind «Bild Gottes» – auch wenn sie sich nicht demgemäss verhielten!

Mann* wie Frau*

Ebenfalls bedeutsam ist Genesis 1 für das Verhältnis von Mann und Frau: Mann und Frau sind gleichermassen als «Bild Gottes» erschaffen (Genesis 1,27). Das wird auch deutlich, wenn man die Verwendung des hebräischen Wortes für «Mensch» anschaut: Das hebräische Wort adam bedeutet in Genesis 1,1–2,4a und auch sonst im Ersten Testament meistens ganz allgemein «Mensch». adam ist also eine Gattungsbezeichnung für «den Menschen», «die Menschheit».5 Dies zeigt ganz deutlich auch Genesis 5,2, wo auf die erste Schöpfungserzählung Bezug genommen wird:

«Männlich und weiblich schuf er sie, und er segnete sie
und gab ihnen den Namen Mensch (hebräisch adam),
an dem Tag, als sie geschaffen wurden.» (Genesis 5,2)

Der Mensch ist nach der biblischen Schöpfungserzählung in Genesis 1,1–2,4a also nicht irgendwie «klein» oder «sündig», sondern vielmehr «urgut», ein wunderbares, lebendiges «Bild Gottes». Und der Mensch ist von Gott gesegnet (Genesis 1,28) – ebenso wie auch die Tiere (Genesis 1,22) und der siebte Tag, der Schabbat als Ruhetag für alle (Genesis 2,3), gesegnet sind.

 

Respektieren – statt «herrschen»

Als wie «gut» der Mensch in dieser Schöpfungserzählung gezeichnet wird, zeigt sich auch an der Art der Nahrungsmittel, die er von Gott bekommt – ein tiefsinniges erzählerisches Detail, das oft übersehen wird: Gemäss Genesis 1,29-30 leben sowohl Menschen wie Tiere vegetarisch. Damit will die Erzählung sagen: In einer wirklich guten Welt, so wie sie ein guter Gott will, darf es kein Blutvergiessen geben.

Damit wird die heute oft kritisierte Aussage, dass der Mensch gemäss Genesis 1,26.28 über die Tiere «herrschen» solle, doch in ein ganz anderes Licht gerückt! Vor der Erfindung des Schiesspulvers und vor der industriellen Massenzüchtung und -tötung von Tieren war das Verhältnis von Mensch und Tier zudem ein ganz anderes: Der Mensch war oft bedroht von wilden Tieren (dies lässt z. B. Genesis 9,5a noch erkennen). Aufgrund dieser Bedrohung verbirgt sich in der Aussage, der Mensch solle über die Tiere «herrschen», vor allem der Wunsch, der Mensch möge in Sicherheit vor den Tieren leben.

Hinzu kommt ein sehr positives Bild der Tiere in Genesis 1,20-25: Die Tiere sind genauso von Gott erschaffen wie der Mensch. Die Tiere sind genauso von Gott gesegnet wie der Mensch. Und die Tiere werden genauso als «gut» bezeichnet wie der Mensch.

Heute geht es darum, in diese Richtung weiter zu denken und dementsprechend zu handeln: Tiere sind Geschöpfe wie wir Menschen. Sie zu respektieren in ihrer Würde ist grundlegend. Für viele Menschen heute führt dieser Respekt dazu, dass sie auf das Essen von Tieren verzichten – was zudem ein Beitrag zum Klimaschutz und zur Verbesserung der weltweiten Ernährung der Menschheit ist.

Schützen – statt «untertan machen»

Ähnlich wie beim Ausdruck «herrschen» über die Tiere, muss man auch die oft missverstandene und missbrauchte Aussage in Bezug auf die Erde: «macht sie euch untertan» (Genesis 1,28), aus der damaligen Zeit heraus verstehen: Der Mensch war der Natur – besonders auch Trockenzeiten, Erdbeben, Überschwemmungen – damals noch viel stärker ausgeliefert, als wir es seit der Industrialisierung sind. Anders als im industrialisierten Zeitalter schädigte der Mensch im Alten Orient zudem die Natur kaum, ja, hatte gar nicht die Mittel, die Natur nachhaltig zu schädigen (eine Ausnahme bildete die Abholzung von Wäldern zur Gewinnung von Baumaterial durch Grossmächte). Hinter der Formulierung «macht sie euch untertan / unterwerft sie euch» steht vor allem der Wunsch, in Sicherheit auf dieser Erde zu leben.

Die Formulierung meint also nicht, der Mensch solle die Erde zerstören – denn die Erde ist ja die gute Schöpfung, das von Gott geschaffene Lebenshaus für alle, und der Mensch soll sich als «Bild Gottes» entsprechend diesem guten Schöpfergott verhalten. Heute sind wir genau dazu vordringlich herausgefordert: die Erde und die Natur als gute Lebensgrundlage des Lebens für alle mit aller Kraft zu schützen und zu bewahren.6

 

  1. Vgl. André Flury: Schöpfung – oder vom Vertrauen in das Gute, auf: https://www.glaubenssache-online.ch/2019/08/21/schoepfung-oder-vom-vertrauen-in-das-gute/ (21.8.2019).
  2. Vgl. hierzu und zum Folgenden André Flury: Erzählungen von Schöpfung, Erzeltern und Exodus (STh 1,1), Zürich 2018, S. 135-139.
  3. Zitiert nach Hans-Josef Klauck: Die religiöse Umwelt des Urchristentum II (KStTh 9), Stuttgart 1996, S. 46.
  4. Vgl. für einen Überblick zum heutigen Wissensstand z. B. Maximilian Schochow / Saskia Gehrmann / Florian Steger (Hg.): Inter* und Trans*identitäten. Ethische, soziale und juristische Aspekte (BSexF 102), Gießen 2016.
  5. Vgl. z. B. Annette Schellenberg: Der Mensch, das Bild Gottes? Zum Gedanken einer Sonderstellung des Menschen im Alten Testament und in weiteren altorientalischen Quellen (AThANT 101), Zürich 2011, S. 127-134.
  6. Bildnachweise Titelbild: iStock/hoozone; Bild1: iStock/stigalenas; Bild 2: iStock/track5; Bild 3: iStock/track5; Bild 4: photocase/David-W; Bild 5: iStock/FlairImages

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