Sintflut – oder die Veränderung des Gottesbildes

Die biblische Erzählung von der Sintflut (Genesis 6–9) berichtet nicht von einer historischen Flut, sondern vielmehr von der Veränderung des Gottesbildes: Von einem Gott, der Gewalttätigkeit mit Gegengewalt beantwortet, zu einem Gott, der auf Gewalt verzichtet.

Ältere altorientalische Fluterzählungen

Man kann die biblische Erzählung von Noah, der Arche und der grossen Flut nur richtig verstehen, wenn man weiss, dass sie nicht zuerst in der Bibel aufgeschrieben wurde: Schon lange bevor das Buch Genesis entstanden ist, gab es im Alten Orient Sintfluterzählungen.1 Diese sind rund 1000 Jahre älter, als die biblische Erzählung von der Flut, welche wahrscheinlich zwischen dem 8.–5. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist. Fluterzählungen gehören zumindest ab etwa 1900 v. Chr. zu den Topthemen des Alten Orients. Bei uns am bekanntesten dürfte das Gilgamesch-Epos sein. Es ist ein Stück Weltliteratur aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. aus dem Raum des heutigen Iraks. Grossartige Erzählungen von der Suche nach Freundschaft, Leben und Unsterblichkeit, die man auch heute noch mit Gewinn lesen kann.

Gilgamesch-Epos, 11. Tafel mit Sintflut, urspr. Bibliothek des Assurbanipals, © jetzt Britisches Museum London (Bild André Flury)

In diesem Gilgamesch-Epos gibt es eine Erzählung über eine Sintflut (wahrscheinlich vor 1200 v. Chr. dem Epos hinzugefügt), die sehr viele Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit der später entstandenen biblischen Erzählung hat: Darin wird berichtet, dass die Götter eine Flut schicken wollten (warum scheint nicht so klar). Der weise Gott Ea warnt jedoch Uta-napischti (er entspricht späteren biblischen Noah), den Helden der Erzählung, und gebietet ihm, ein Schiff zu bauen, um damit sich, seine Familie und je ein Paar aller Tiere zu retten:2

«Mann von Schuruppak, Sohn Ubar-Tutus,
reiße nieder das Haus und erbaue ein Schiff.
Lasse ab vom Reichtum, und suche statt dessen nach dem, das atmet.
Die Habe sei dir zuwider, erhalte statt dessen das, was atmet, am Leben!
Hole den Samen all dessen, das atmet, herauf in das Inn’re des Schiffs!» (Tafel XI, 23-27)

Die Flut kommt, die Flut geht. Uta-napischti strandet auf einem Berg. Er schickt eine Taube, eine Schwalbe, dann einen Raben aus, um zu testen, ob die Flut vorbei ist. – Die vielen Übereinstimmungen mit der biblischen Erzählung sind offensichtlich.

Biblische Aufnahme und Veränderung der Fluterzählung

Die Menschen, welche die biblische Fluterzählung in Genesis 6–9 schrieben, hatten den Gilgamesch-Epos gekannt. Sie übernahmen dessen Fluterzählung (bzw. andere altorientalische Fluterzählungen), schrieben diese aber nicht einfach ab: Vielmehr verknüpften sie diese Fluterzählungen mit ihrem eigenen Glauben – und setzten dabei eigene und neue Akzente. Meiner Meinung nach lautete eine zentrale Frage der Menschen, welche die biblische Fluterzählung verfassten: «Was tut Gott, angesichts der Gewalttätigkeit der Menschen?»

Um diese Frage zuzuspitzen, entwarfen die Verfasser*innen von Genesis 6–9 ein ganz schwarzes Bild, sozusagen den worst case:

«5 Und Gott sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen und Trachten seines Herzens nur böse den ganzen Tag […] 11 Und die Erde verdarb vor Gott, denn die Erde war voller Gewalttat.» (Genesis 6,5.11)

Die dahinterstehende Frage lautet: Angenommen, die Menschen wären durch und durch böse und die ganze Welt von Gewalttat erfüllt – was könnte Gott dagegen tun?

Eine Möglichkeit, wie Gott handeln könnte, bietet die traditionelle Sintflut – und diese Möglichkeit wird als erstes literarisch durchgespielt. Und so heisst es:

«6 Da reute es Gott, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. 7 Und Gott sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen […]» (Genesis 6,6f)

Und so lässt Gott – wie in anderen altorientalischen Urgeschichten – eine Flut kommen: Alle Lebewesen gehen zu Grunde, nur der gerechte Noah und seine Familie überleben – und zudem alle Tiere.

Michelangelo, 1512 n. Chr., Sixtinische Kapelle

Nach der Flut

Entscheidend ist jedoch, wie es nach der Sintflut weitergeht! Nach der Flut sagt Gott in der biblischen Fassung der Fluterzählung:

«… Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen; denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.» (Genesis 8,21)

Eine ganz seltsame Begründung! Fast dieselbe Bestandesaufnahme hatte ja zur Flut geführt (Gen 6,5). Und jetzt, nach der Flut, soll derselbe Tatbestand dazu führen, dass Gott verspricht, nie (oder nie mehr) eine Flut zu veranstalten? Wie ist das zu verstehen?

Keine Flut von Gott

Es legt sich die Auslegung nahe, dass die biblische Sintfluterzählung mit diesem vordergründigen Widerspruch eine höchst spannende Aussage machen will: Gott könnte vielleicht eine Sintflut herbeiführen um die Gewalttäter und die Bösewichte zu beseitigen – doch es würde nichts nützen, weil sich die Menschheit eben durch Gewalt nicht zum Guten ändern lässt!

Und deswegen ändert sich in der biblischen Fluterzählung nicht der Mensch, sondern Gott beziehungsweise die Vorstellung, die wir Menschen uns von Gott machen: Gott hängt seinen Bogen in die Wolken, wie es wörtlich heisst (Genesis 9,12ff).

Damit ist natürlich auf den Regenbogen angespielt. Aber es ist noch etwas Tiefsinnigeres gemeint: Das hebräische Wort qäschät bedeutet einfach Bogen. Es bezeichnet nicht nur den Bogen in den Wolken, sondern sehr viel häufiger den Pfeilbogen, mit welchem Menschen Pfeile gegeneinander schiessen im Krieg (2Könige 13,16; Psalm 7,13 u. ö.).

Wenn man einen König oder eine Gottheit im Alten Orient als mächtig und stark darstellen wollte, so hat man ihn sehr häufig mit einem möglichst grossen Kriegsbogen in Stein gemeisselt. Je stärker der jeweilige König, desto grösser sein Pfeilbogen (auch die biblische Tradition kennt solche Gottesbilder: vgl. Psalm 21,13; 144,1-6).

Assyrischer König mit Bogen, 645-635 v. Chr., Ninive © jetzt Britisches Museum London (Bild André Flury)

Und genau dagegen wendet sich die biblische Flutgeschichte: Gott hängt seinen Pfeilbogen an den Himmel (oder an den Nagel, wenn Sie so wollen). Gott schiesst keine Pfeile gegen ungerechte Menschen, Frevler und Gewalttäter ab (weil dies nichts bringen würde).

In der biblischen Fluterzählung verändert sich also Gott beziehungsweise das Bild, das wir Menschen uns von Gott machen: Von einem Gott, der die Gewalttätigkeit der Menschen mit Gegengewalt (nämlich mit der Sintflut) bekämpft, zu einem Gott, der auf Gewaltanwendung verzichtet.

Die Menschen, welche die biblische Flutgeschichte aufgeschrieben haben sind also überzeugt: Gott schickt nie und nimmer eine Sintflut. – Mit andern Worten und auch auf heute bezogen: Ein Blitz, der in ein Haus einschlägt; ein Hagelwetter, das ein Feld verwüstet; ein Tsunami oder ein Erbeben usw. – all dies kommt nicht von Gott!

Gottes Bund

Wenn Gott also keine Gewalt gegen (gewalttätige) Menschen richtet, was tut Gott dann?

Es ist nach der biblischen Fluterzählung ein Zweifaches (Genesis 9,1-17):

  1. Gott segnet Noah und alle Lebewesen: Gottes Segen, Gottes Geist und Lebensatem will im Menschen sein und ihn immer begleiten.
  2. Gott schliesst einen Bund mit allen Menschen und allen Tieren: Trotz mancher Bosheit und Gewalttätigkeit von uns Menschen, schliesst Gott einen Bund mit uns; Gott geht damit eine Partnerschaft mit uns Menschen ein.

Eine Partnerschaft, die uns inspirieren soll, so zu handeln, wie Gott handelt: So wie Gott keine Gewalt gegen Menschen richtet, so sollen auch wir kein Blut vergiessen. So, wie Gott seinen Kriegsbogen an den Himmel hängte, sollen auch wir unsere Schwerter zu Pflugscharen umschmieden (Jesaja 2): Wir sollen nicht in Kriege investieren, sondern in das Erzeugen und die gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln für alle Menschen. Dies ist die beste Prävention gegen Krieg und Terror.

Das sich verändernde Gottesbild der Fluterzählung will uns dazu ermutigen.

 

  1. Das Wort «Sin(t)» kommt nicht von «Sünde», sondern vom Althochdeutschen sin, das «immer», «überall» bedeutet.
  2. Übersetzung nach Stefan M. Maul: Das Gilgamesch-Epos, München 2006.

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