Vom Tod zum Leben – Auferstehungsglaube im Neuen Testament

Zerstörte Hoffnung

Der Tod Jesu ist das am besten bezeugte Ereignis im Leben Jesu: Neben den biblischen Schriften haben unter anderem auch der römische Senatsangehörige und Geschichtsschreiber Tacitus (55/56–ca. 120 n. Chr.) oder ein syrischer Stoiker namens Mara bar Sarpion (1. Jh. n. Chr.) Kenntnis davon.[1] Das christliche Glaubensbekenntnis (Credo): «Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben», bringt die entscheidenden historischen Tatsachen auf den Punkt.

Für die Jünger*innen Jesu war der brutale Tod am Kreuz ein Schock, eine zutiefst erschütternde existentielle Krise: All ihre Hoffnungen, die sie auf Jesus gesetzt hatten, waren zerstört. Mehr noch: Die römische Todesstrafe der Kreuzigung musste in ihrer Wahrnehmung als Schande und Schmach empfunden werden, welche die Gegenwart Gottes in Jesus Christus in Frage stellte. So heisst es im neutestamentlichen Galaterbrief: Von Gott «verflucht ist jeder, der am Holz hängt» (Galaterbrief 3,13; vgl. Tempelrolle aus Qumran 64,12; Deuteronomium 21,22-23).

Nikolai Ge, Kreuzigung (19. Jh. wikiart)

Auferstehung: historisch nicht fassbar, aber «glaub-würdig»

In der tiefsten Verzweiflung und Not der Jünger*innen ist etwas geschehen, das sich kaum in Worte fassen lässt, das nur durch Bilder und Metaphern zum Ausdruck gebracht werden kann. Einmütig bekennen die Nachfolger*innen Jesu: Wir glauben an Gott, «der Jesus, unsern Herrn (Kyrios), von den Toten auferweckt hat» (Römerbrief 4,24). «Wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist» (1. Thessalonicherbrief 4,14).

Alles, was wir in historischer Hinsicht haben, sind diese Zeugnisse der ersten Christ*innen sowie die breit belegte Wirkung, welche der Auferstehungsglaube bei ihnen und bei mehr und mehr Menschen hatte. Diese Zeugnisse können sich mit persönlichen Erfahrungen, die wir heute machen, verbinden (siehe: Auferstehungsglaube und heutige Erfahrung). Aber Auferstehungsglaube bleibt immer eine Sache des Glaubens. Glaube wird im Hebräerbrief wie folgt beschrieben: «Glauben aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht» (Hebräerbrief 11,1). Glaube ist kein «Wissen» in einem historischen oder naturwissenschaftlichen Sinne. Glaube ist vielmehr ein Vertrauen, eine innere Überzeugung / Gewissheit, eine Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit.

Duccio, Christus erscheint Maria Magdalena (1308-1311 wikiart)

Vielfalt und Dichte

Die neutestamentlichen Erzählungen vom leeren Grab und von den Erscheinungen des Auferstandenen sowie die Bekenntnisse zur Auferweckung Jesu im Neuen Testament sind sehr vielfältig und derart dicht formuliert, dass sie hier auf wenigen Zeilen nur ungenügend beschrieben und lediglich angedeutet werden können.[2] Es lohnt sich, die Texte selbst zu lesen und weiterzufragen.

Ein altes Bekenntnis

Paulus, der dem historischen Jesus von Nazareth nie begegnet war, hatte das Bekenntnis zu Jesus als Gekreuzigten und Auferstandenen nicht selber «erfunden», sondern es als Zeugnis von anderen übernommen:

«3 Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäss den Schriften, 4 und er ist begraben worden. Und er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss den Schriften, 5 und er erschien dem Kephas, dann den Zwölf.» (1. Korintherbrief 15,3-5)

Jedes dieser Worte ist erklärungsbedürftig, hier in aller Kürze nur so viel zum Verständnis der Aussagen:

  • «für unsere Sünden»: Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der Tod Jesu hat nicht «in sich selbst» einen Sinn hat, sondern nur, wenn er zur Überwindung der Kluft zwischen Menschen und Gott, wenn er zum Heil, zum Leben, zur Befreiung und Rettung der Menschen führt.
  • «gemäss den Schriften»: Das Geschick Jesu wird mithilfe der biblischen, alttestamentlichen Tradition gedeutet und ist unauflöslich mit der Geschichte Gottes mit Israel verbunden. Jesus war Jude. Nur in Verbindung mit dieser Geschichte ist der Tod (leidender Gerechter) und die Auferstehungshoffnung (Schöpfungsglaube und Exodusbefreiung) zu verstehen.
  • «er ist begraben worden»: Jesus ist wirklich gestorben. Jesu Tod ist kein Scheintod. Er hat das Schicksal aller Menschen geteilt.
  • «er ist am dritten Tag auferweckt worden»: Das Wort «auferwecken» knüpft (auch im Griechischen) an der menschlichen Erfahrung des Aufwachens nach dem Schlaf an und meint zugleich anderes und mehr: Jesus ist nicht in dieses irdische Leben zurückgekehrt, wie etwa Lazarus (Johannesevangelium 11) oder die von Elischa / Elija vom Tode «Auferweckten» (2. Könige 4,31-37; 1. Könige 17,17-24), die dann später doch gestorben sind.
    Jesus ist von Gott vielmehr in ein neues, unvergängliches Leben in der Welt Gottes auferweckt worden und zugleich zu einer bleibenden, wirksamen Gegenwart bei seinen Jüngerinnen und Jüngern.
  • «er erschien dem Kephas, dann den Zwölf»: Die Formulierung schliesst sich der alttestamentlichen Tradition an, dass Gott den Menschen «erscheint». So wie Gott im Ersten / Alten Testament unter anderem Abraham und Sarah (Genesis 12,7; 18,1-15) und Hagar: (Genesis 16,7), Mose (Exodus 3,2) und auch allem Volk (Levitikus 9,23) erscheint, so erscheint der Auferstandene seinen Jünger*innen.
    Mit Kephas bezeichnet Paulus den Petrus; die Zwölf beziehen sich auf die zwölf Apostel.
Luca Signorelli, St. Paulus (1474 wikiart)

Vom Saulus zum Paulus

Paulus fährt im 1. Korintherbrief weiter, dass der Auferstandene noch vielen andern erschienen sei, zuletzt auch ihm:

«8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe“ (1. Korintherbrief 15,8-9).

Diese Erscheinung wird in Apostelgeschichte 9 und 22 als eine Art mystisches Erlebnis geschildert. Diese hatte aus Paulus einen anderen Menschen gemacht: Saulus – so sein Geburtsname –, der aufgrund seines religiösen Eifers die Jesusgläubigen verfolgte und zu vernichten suchte (Apostelgeschichte 8,3), wurde zu Paulus (griechisch «der Kleine»), dem vielleicht eifrigsten Verkünder des Evangeliums, der nun jedoch selber Verfolgungen erlitt (Apostelgeschichte 21ff und öfter) und auf Gewalttätigkeit verzichtend zur Feindesliebe aufrief (Römerbrief 12,17-21).

Markusevangelium: Leeres Grab und Nachfolge

Das Markusevangelium, das als ältestes Evangelium ca. 70 n. Chr. entstanden war, schilderte ursprünglich keine Erscheinungen des Auferstandenen (Mk 16,9-20 sind später hinzugefügte Texte), sondern endete mit der Auffindung des leeren Grabes durch die drei Frauen Maria aus Magdala, Salome und Maria, die Mutter des Jakobus. Wenn wir Markus 16,1-8 lesen, fällt besonders der Auftrag auf, den diese drei Frauen erhalten: «7 Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.» Die Jüngerinnen werden vom leeren Grab weggewiesen, sie und die Jünger werden dahin zurückgesandt, wo sie Jesus von Nazareth nachgefolgt waren. Mit andern Worten: «Den Auferstandenen ‚sieht’, wer ihm nachfolgt, wer lebt, wie er lebte, wer auf sein Wort hört und seine Taten fortsetzt» (Daniel Kosch; vgl. Johannesevangelium 14,18-24).

Rembrandt, Das Mahl in Emmaus (1629 wikiart)

Lukasevangelium: Der Weg nach Emmaus – geöffnete Augen und brennendes Herz

Im Lukasevangelium 24,13-35 ist eine sehr dichte Erscheinungserzählung überliefert. nach dem Tod Jesu geht Kleopas, ein Jünger Jesu, enttäuscht von Jerusalem weg – zusammen mit einer namentlich nicht genannten Jüngerin oder einem Jünger (vom Text her ist beides möglich – was Rembrandt bereits gewusst zu haben scheint, siehe die Figur oben im Hintergrund):

«13 Und da waren am selben Tag zwei von ihnen unterwegs zu einem Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Und sie redeten miteinander über all das, was vorgefallen war.
15 Und es geschah, während sie miteinander redeten und sich besprachen, dass Jesus selbst sich zu ihnen gesellte und sie begleitete. 16 Doch ihre Augen waren gehalten, so dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er aber sagte zu ihnen: Was sind das für Worte, die ihr da unterwegs miteinander wechselt? Da blieben sie mit düsterer Miene stehen.

18 Der eine aber, mit Namen Klopas, antwortete ihm: Du bist wohl der Einzige, der sich in Jerusalem aufhält und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen dort zugetragen hat. 19 Und er sagte zu ihnen: Was denn? Sie sagten zu ihm: Das mit Jesus von Nazaret, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk, 20 und wie unsere Hohen Priester und führenden Männer ihn ausgeliefert haben, damit er zum Tod verurteilt würde, und wie sie ihn gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde; doch jetzt ist es schon drei Tage her, seit dies geschehen ist.

22 Doch dann haben uns einige Frauen, die zu uns gehören, in Schrecken versetzt. Sie waren frühmorgens am Grab, 23 und als sie den Leib nicht fanden, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gehabt, die gesagt hätten, er lebe. 24 Da gingen einige der Unsrigen zum Grab und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn aber haben sie nicht gesehen.

25 Da sagte er zu ihnen: Wie unverständig seid ihr doch und trägen Herzens! Dass ihr nicht glaubt nach allem, was die Propheten gesagt haben! 26 Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften über ihn steht.

28 Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als wolle er weitergehen. 29 Doch sie bedrängten ihn und sagten: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt. Und er ging hinein und blieb bei ihnen.

30 Und es geschah, als er sich mit ihnen zu Tisch gesetzt hatte, dass er das Brot nahm, den Lobpreis sprach, es brach und ihnen gab. 31 Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Und schon war er nicht mehr zu sehen.

32 Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete, als er uns die Schriften aufschloss? 33 Und noch zur selben Stunde standen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und fanden die elf versammelt und die, welche zu ihnen gehörten; 34 die sagten: Der Herr ist tatsächlich auferweckt worden und dem Simon erschienen. 35 Und auch sie erzählten, was unterwegs geschehen war und wie er von ihnen am Brechen des Brotes erkannt worden war.»
(Lukasevangelium 14,13-35)

Es spricht einiges dafür, dass dieser Auferstehungsweg im Lukasevangelium nicht einfach ein einmaliges, in der Vergangenheit abgeschlossenes Geschehen erzählen will, sondern eine Einladung darstellt, sich mit der namenlosen Jünger*in zu identifizieren und sich ebenfalls auf den Weg zu machen: Die Erzählung ist eine Ermutigung, die eigenen, persönlichen Erfahrungen mit dem biblischen Zeugnis von Gottes Geschichte mit den Menschen in einen Dialog zu bringen. Eine Ermutigung, den enttäuschten Hoffnungen ehrlich Ausdruck geben zu dürfen.

Sich dann aber auch daran zu erinnern, wer Jesus war und dadurch das gemeinsame Erinnern zu erfahren: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt bin, da bin ich mitten unter ihnen» (Matthäusevangelium 18,20).

Die Erzählung ist auch eine Ermutigung, einen Fremden einzuladen, mit ihm Tischgemeinschaft zu haben – und im Teilen des Brotes mit dem Fremden den Gekreuzigten und Auferstandenen zu erkennen. Wer die Ermutigung dieser Erzählung annimmt, kann zur Botin und zum Boten des Auferstehungsglaubens werden: Des Glaubens, dass der Tod in der Geschichte Gottes mit seinem Sohn Jesus Christus, aber auch mit allen anderen Menschen, nicht das letzte Wort hat.

 

Erfahren Sie mehr unter:

Geschichtliche Wurzeln des Auferstehungsglaubens – und der Tod Jesu

 

[1] Vgl. Gerd Theißen / Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 3. Aufl. 2001, 73-95.387-414.

[2] Vgl. ausführlicher Daniel Kosch: Jesus Christus im Glauben der ersten Gemeinden und im Spiegel der vier Evangelien, hg. v. TBI-ZH.ch, Zürich 1998ff, 79-90; Gerd Theißen / Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 3. Aufl. 2001, 415-446.

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