Geschichtliche Wurzeln des Auferstehungsglaubens – und der Tod Jesu

Der Glaube an eine Auferstehung der Toten zu einem Leben nach dem Tod ist nicht erst mit dem Christentum entstanden. Bereits im Alten Ägypten und in Mesopotamien (Zweistromland) gab es vielfältige Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. So kennt zum Beispiel die persische Religion, in deren Einflussgebiet sich das Judentum ab dem 6. Jh. v. Chr. befand, die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung aller Gestorbenen zu einem Endgericht Gottes über Böse und Gute.

Radikale Diesseitigkeit im Alten / Ersten Testament

Bei diesen vielfältigen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod im Alten Orient ist es erstaunlich, dass das Alte / Erste Testament über Jahrhunderte gar nichts von einer Auferstehung der Toten hielt. Gott wird im Alten Testament zuallermeist mit dem Leben verbunden, nicht mit dem Tod: Gott wird als Quelle allen Lebens geglaubt (Psalm 36,10). Wenn Gott seinen Lebenshauch (Ruach, Geist) gibt, entsteht ein lebendiges Wesen –, wenn Gott seinen Lebenshauch entzieht, kehrt das Lebewesen wieder zurück in den Staub / die Erde (Psalm 104,29-30).

Im Alten Testament wird damit die Überzeugung formuliert: Wo Gott ist, da ist Leben. Wo der Tod ist, da ist Gott nicht. Deshalb ist man im Totenreich getrennt von Gott (Psalm 115,17; Jesaja 38,18-19). Aufgrund dieser Überzeugung wird das Leben hier und jetzt betont: Ziel des Lebens ist das Leben. Hier und jetzt ist Gerechtigkeit und ein erfülltes Leben für alle Menschen einzufordern und zu verwirklichen. Dies darf nicht aufgeschoben oder verhindert werden mit einer Vertröstung auf ein Jenseits. Zudem ist gemäss den alttestamentlichen Überlieferungen nicht nur und nicht primär an die Glückseligkeit des Einzelnen zu denken, entscheidend ist vielmehr das (Über-)Leben des Volkes, der Menschen, aller Lebewesen.

Marc Chagall, Le Paradis (1961, wikiart)

Solche alttestamentlichen Grundlagen hinsichtlich der Diesseitigkeit des Glaubens haben eine tiefe Berechtigung, die wir uns auch christlicherseits immer wieder vor Augen führen sollten: Auferstehungsglaube darf keine Jenseitsvertröstung sein, sondern muss sich hier und jetzt zugunsten eines erfüllten Lebens auswirken. Eine kleine Weisheitserzählung des indischen Jesuitenpaters Anthony de Mello (1931-1987) verdeutlicht dies schön:

«Manche Leute behaupten, es gäbe kein Leben nach dem Tod», sagte ein Schüler. «Tun sie das?», fragte der Meister unverbindlich. Der Schüler: «Wäre es nicht furchtbar zu sterben, ohne jemals wieder zu sehen, zu hören, zu lieben oder sich zu bewegen?» «Findest du das furchtbar?», erwiderte der Meister. «Das ist doch bei den meisten Menschen so, noch bevor sie gestorben sind.»[1]

Märtyrer

Im 2. Jh. v. Chr. sahen sich jüdische Menschen Religionsverfolgungen ausgesetzt: Die syrisch-seleukidische Weltmacht unter Antiochus IV. (Epiphanes) wollte die Hellenisierung mit aller Macht durchsetzen und attackierte das Hohepriesteramt und den Tempel in Jerusalem. Es kam zur Rebellion eines Teils der jüdischen Bevölkerung gegen Antiochus. Dieser schlug hart zurück, um das aufständische Volk zu unterwerfen. Aus Treue zu Gott erlitten Jüdinnen und Juden den Tod.

In dieser Situation stellte sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes: Wenn mit dem Tod für den Gewalttäter wie für das unschuldige Opfer alles aus sein sollte, wo bleibt dann die Gerechtigkeit? In einer dramatisch zugespitzten Erzählung über eine Mutter, deren sieben Söhne aufgrund ihres Glaubens umgebracht werden, formuliert die Mutter ihre Hoffnung wider die totale Verzweiflung: Der Gott, der die Kinder in ihrem Mutterleib hat entstehen lassen, wird ihnen nach ihrem gewaltsamen Tod Leben und Atem wiedergeben (2. Makkabäerbuch 7,22-23). Der für die mörderische Ungerechtigkeit verantwortliche Antiochus aber wird der Gerechtigkeit Gottes nicht entgehen (2. Makk 7,31-36).

Umstritten zur Zeit Jesu

Zur Zeit Jesu war im Judentum umstritten, ob es eine individuelle Auferstehung der Toten gibt oder nicht (Markusevangelium 12,18-27): Gemäss Aussagen des Neuen Testaments lehnten etwa die Sadduzäer (Religionspartei der Priesteraristokratie) den Glauben an ein Leben nach dem Tod ab, weil dieser nicht bei Mose / in der Torah überliefert sei. Jesus und die Pharisäer (nichtpriesterliche Religionspartei) waren hingegen überzeugt von der Auferstehung der Toten.

Auferstehung mitten im Leben

Die Auferstehungshoffnung prägte das Leben und Wirken Jesu tief: Der Glaube an eine Auferstehung nach dem Tod wurde zur Hoffnung für materiell Arme, für Hungernde und für Verfolgte (Lukasevangelium 6,20-26). Für sie war der Auferstehungsglaube tief verbunden mit dem Verlangen nach einer Gerechtigkeit, welche sie in dieser Welt nicht erfuhren. Andererseits war aber der Auferstehungsglaube auch verbunden mit Erfahrungen in dieser Welt, im Leben hier und jetzt. Gemäss den neutestamentlichen Aussagen ist Gottes Reich hier und jetzt schon Wirklichkeit, wo eine gekrümmte Frau aufgerichtet wird (Lukasevangelium 13,10-17), oder wo ein Ausgeschlossener in die Mitte der Gottesdienstgemeinde aufgenommen wird (Markusevangelium 3,1-6; vgl. 11,5). Solche Auferstehungserfahrungen im Alltag waren neben dem Schrei nach Gerechtigkeit die Grundlage, auf welcher der Glaube an eine Auferstehung nach dem irdischen Tod entstand.

In der Begegnung mit Jesus von Nazareth erlebten die unterschiedlichsten Menschen diese befreiende und heilende Gegenwart Gottes. Und so erwachte der Glaube, dass Jesus der Messias sei.[2] Wahrscheinlich erhofften einige auch, dass Jesus zum «König der Juden» gemacht werde, dass er die politische und religiöse Macht übernehme, sie vielleicht sogar gewalttätig an sich reissen werde.

Umso grösser war die Enttäuschung und das Entsetzen der Jünger*innen darüber, dass dieser Jesus immer mehr angefeindet wurde (Markusevangelium 3,6; 14,1-2), dass selbst seine nächsten Angehörigen ihn nicht verstanden (Mk 3,21.31-35; 6,1-6), dass Judas als einer der engsten Vertrauten Jesus verriet (Mk 14,10-11) – und dass Jesus schliesslich wie ein Verbrecher ans Kreuz geschlagen wurde und damit «die grausamste und fürchterlichste Todesstrafe» (Cicero) erlitt.

Ebenso, wie die oben erwähnten jüdischen Menschen im 2. Jh. v. Chr., stellte sich den Jünger*innen durch den Tod Jesu die Frage: Wo ist Gottes Gerechtigkeit, angesichts dieses schrecklichen Todes? Wo ist Gott, angesichts solchen Unrechts?

Oskar Kokoschka, Golgotha (1912, wikiart)

Die Frage nach der Verantwortung für den Tod Jesu

Die Frage, warum es zu dem unfairen Prozess gegen Jesus und zu seiner Tötung kam, ist historisch schwierig zu beantworten.[3] Ein massgeblicher Grund wird Jesu Kritik am Tempel gewesen sein (Markusevangelium 11,15-19; 14,57-59; 15,29). Schon im prophetischen Buch Jeremia aus ca. dem 6. Jh. v. Chr. gibt es Stimmen, welche Tempelkritik als todeswürdiges Verbrechen werten (vgl. Jeremiabuch 26,1-19). Vom Tempel hingen die Bedeutung und die Einkünfte der Lokalaristokratie (Hohepriester) sowie der Bewohner*innen Jerusalems ab. Wahrscheinlich sahen der Hohepriester Kajaphas und einige massgebliche Mitglieder des «Hohen Rates» (Synedrium) in Jesus einen religiös-politischen Unruhestifter, den es zu beseitigen galt, um die eigene Macht zu schützen. Daher beschlossen sie, Jesus beim römischen Statthalter Pontius Pilatus anzuklagen (Markusevangelium 14,53-65; 15,1-5).

Inschrift in Caesarea Maritima: «Pontius Pilatus, Präfekt von Judäa»

Die politische Verantwortung für den Tod Jesu trägt dieser Pontius Pilatus: Er allein hatte die Gerichtsbarkeit bei Kapitalverbrechen (todeswürdige Verbrechen; jus gladii). Die Kreuzigung war keine jüdische, sondern eine römische Todesstrafe. Diese historische Tatsache muss betont werden angesichts des katastrophalen Unrechts und Leids, das jüdische Menschen von christlicher Seite her im Laufe der Geschichte so oft erlitten – bis hin zur Schoah (Holocaust). Der Antijudaismus war häufig mit der falschen Anschuldigung verbunden, «die Juden» seien «Christusmörder». Anhalt fand diese Anschuldigung in einigen Aussagen der Evangelien: Je später ein Evangelium geschrieben wurde, desto mehr wurde Pilatus entschuldigt und «die Juden» in pauschalisierender Weise belastet.

Diese pauschalen Schuldzuweisungen sind jedoch historisch unberechtigt! Sie sind im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen im 1. / 2. Jh. n. Chr. zu sehen: Eine wachsende Anzahl jüdischer Menschen kam zum Glauben, dass Jesus der Messias und Sohn Gottes sei. Die grosse Mehrheit der jüdischen Menschen sah dies jedoch anders. Die Situation unter der römischen Besatzungsmacht seit 64 v. Chr. führte immer wieder zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. In den Jahren 66-74 n. Chr. kam es schliesslich zu dem sogenannten ersten jüdischen Krieg gegen die römische Besatzungsmacht.

Dieser Krieg endete für das Judentum mit einer Katastrophe: Der Tempel von Jerusalem wurde von den Römern unter Titus geplündert und komplett zerstört (vgl. Titus Triumph-Bogen in Rom), ebenso weite Teile der Stadt. Aufgrund dieser militärischen Niederlage und der Zerstörung des Tempels entbrannte innerjüdische der Konflikt darüber, wer verantwortlich für all dies war. Es gab über Jahrzehnte scharfe Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen jüdischen Gruppierungen. Eine von den verschiedenen Sichtweisen vertreten jene Stellen in den Evangelien, welche die Schuld an der Tempelzerstörung 70. n. Chr. in Verbindung bringen mit der Verantwortung für die Ermordung Jesu. Doch diese Verantwortung trug in politisch-rechtlicher Hinsicht, wie gesagt, der römische Statthalter Pontius Pilatus.

Titus-Triumphbogen, Rom

Der Tod Jesu

Im ältesten Evangelium, dem Evangelium nach Markus, wird die Passion Jesu (die Erzählung über sein Leiden und Sterben) eindringlich und markant beschrieben. Die Passion ist geprägt durch Angst und Verlassenwerden, durch Verrat, Verhöhnung und Verleugnung. Kurz zusammengefasst werden folgende Ereignisse für die letzten Stunden beschrieben: Nach dem letzten Abendmahl (Mk 14,17-25) geht Jesus an den Ölberg und betet: «Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen).» Die Jünger jedoch schlafen währenddessen ein (Mk 14,32-42). Judas Iskariot verrät Jesus mit einem Kuss. Ein bewaffneter Trupp nimmt Jesus gefangen. Die Jünger flüchten (14,43-52). Vor dem Hohen Rat wird Jesus angespuckt, geschlagen und verhöhnt (14,53-65). Petrus verleugnet Jesus drei Mal (14,66-72). Eine angestachelte Menge schreit: «Kreuzige ihn!» (15,13). Römische Soldaten misshandeln Jesus (15,16-20). Auch am Kreuz wird Jesus verhöhnt und beschimpft (15,20b-32).

Ilya Repin (1844-1930), Jesus in Getsemani (wikiart)

Jesu Tod am Kreuz überliefert das Markusevangelium mit schlichten Worten:

«33 Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. 34 Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
35 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija! 36 Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.
37 Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

38 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. 39 Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.
40 Auch einige Frauen sahen von weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome; 41 sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.»
(Markusevangelium 15,33-41)

Nach dem ältesten Evangelium waren Jesu letzte Worte am Kreuz also ein einziger Schrei: «Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Markusevangelium 15,34; zitiert wird damit das Gebet Psalm 22,2)

Und dieser Schrei verfolgte die Jünger*innen, forderte sie heraus in ihrem Glauben an Jesus, ihrem Glauben an Gott, er stellte alles, was ihnen wichtig war, in Frage. Kann der Glaube an Gott und an seinen Gesalbten Jesus überhaupt noch weiter bestehen?

Edvard Munch, Golgotha (1900, wikiart)

 

[1] Nach Anthony de Mello: Wo das Glück zu finden ist. Weisheitsgeschichten für jeden Tag, Freiburg i. Br. 2004.

[2] Das hebräische Wort «Maschiach» bedeutet «der Gesalbte» (Gottes). Im Alten Orient wird häufig der König als Gesalbter Gottes bezeichnet (Ps 2,2; 18,51 u. ö.). Griechisch wird «Maschiach» mit «Messias» wiedergegeben und mit «Christus» (= Gesalbter) übersetzt. «Jesus Christus» heisst als «Jesus, der Gesalbte (Gottes)».

[3] Vgl. Gerd Theißen / Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 3. Aufl. 2001, 387-414.

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