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Erbarmen – Baustein einer kritisch-prophetischen Ethik

«Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!» (Markus 10,47) Mit diesen Worten schreit der blinde Bartimäus im Markusevangelium um Zuwendung und appelliert an Jesu Mitgefühl. Mitleid, Erbarmen, Barmherzigkeit – alte Worte, die wenig zeitgemäss erscheinen. Doch Papst Franziskus führten sie auf eine Reise an einen verdrängten politischen Brennpunkt unserer Tage: auf Lampedusa.

Der Papst besuchte die Sizilien vorgelagerte Insel im Mittelmeer am 8. Juli 2013. Es war seine erste Reise als Papst. Die Flüchtlingskrise ist seither aus den Schlagzeilen verschwunden, hat sich jedoch nicht beruhigt, im Gegenteil.

Gegen die Kultur der Gleichgültigkeit

Barmherzigkeit wurde inzwischen zu einem zentralen Begriff der Verkündigung des Papstes. Franziskus sieht in der Barmherzigkeit eine Antwort auf die globale Kultur der Gleichgültigkeit. Auf Lampedusa spricht er von einer Betäubung der Herzen und stellt fest:

«Die Wohlstandskultur, die uns dazu bringt, an uns selbst zu denken, macht uns unempfindlich gegen die Schreie der anderen; sie lässt uns in Seifenblasen leben, die schön, aber nichts sind, die eine Illusion des Nichtigen, des Flüchtigen sind, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den anderen führen, ja zur Globalisierung der Gleichgültigkeit. In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!»1

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Papst Franziskus wäscht Flüchtlingen die Füsse.

Barmherzigkeit als anteilnehmende Wahrnehmung schlägt eine Brücke zwischen mir und den anderen und ruft nach Gerechtigkeit. Furcht, Neid und Beschämung hingegen, so die Philosophin Martha Nussbaum, hindern uns daran, uns mit anderen zu identifizieren und führen zu einer Kultur der Gleichgültigkeit.2 Martha Nussbaums Analysen zeigen die Bedeutung von Gefühlen wie Liebe und Mitgefühl und ihrem kognitiven Kern – dem Wissen um das Gesollte – für die Gesellschaft und ihre Normen. Die Fähigkeit, sich anrühren zu lassen und Anteil zu nehmen, ist eine wichtige Ressource, um Haltungen der Verdächtigung und Gleichgültigkeit entgegen zu wirken. «Mitfühlende Phantasie» und «politische Liebe» lauten die Stichworte von Martha Nussbaum. Die normativen Ideale «Gerechtigkeit» und «gleiche Würde für alle» allein sind gemäss Nussbaum zu schwach und auf die Vermittlung anteilnehmender Wahrnehmung angewiesen.

Erbarmen aus dem Mutterschoss

Papst Franziskus beginnt seine eindrückliche Predigt auf dem Sportplatz von Salina auf Lampedusa mit folgenden persönlichen Worten:

«Immigranten auf dem Meer umgekommen, auf den Booten, die statt eines Weges der Hoffnung ein Weg des Todes wurden. So die Überschriften der Zeitungen.

Als ich vor einigen Wochen diese Nachricht hörte, die sich leider sehr oft wiederholte, drangen die Gedanken immer wieder wie ein Leid bringender Stich ins Herz. Und da habe ich gespürt, dass ich heute hierher kommen musste, um zu beten, um eine Geste der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen wachzurütteln, damit sich das Vorgefallene nicht wiederhole. Es wiederhole sich bitte nicht.»3

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Bootsflüchtlinge auf Fuerteventura, gerettet vor dem Ertrinken.

Die Barmherzigkeit wird nicht genannt, steht aber im Raum. Barmherzigkeit ist die Übersetzung des lateinischen misericordia und meint, das Herz (lat. cor) beim Armen (lat. miser) haben. Das biblische Denken situiert das Erbarmen (hebr. rachamim) in der Bauchgegend, genauer in der Gebärmutter (hebr. rächäm).4 Das Mitgefühl / Erbarmen entbrennt im Schoss, auch im Schoss Gottes.5

Das weibliche Antlitz Gottes

Gott stellt sich Mose vor mit den Worten: «ich-bin-da. Ein mitfühlender, gnädiger Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig.»6 Barmherzigkeit ist eine zentrale Eigenschaft Gottes, und dies nicht nur im jüdisch-christlichen Kontext. Der Koran und jede seiner Suren – mit Ausnahme von Sure 9 – beginnen mit den Worten: «Bismi llahi l-rahmani l-rahim» – «Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen». Die Theologin Katrin Brockmöller hält zum Erbarmen fest: «Menschen erleben Gott zugewandt, nährend und beschützend, wie das im Idealfall die Eltern an ihnen getan haben.»7 Obwohl Barmherzigkeit im Ersten und Zweiten Testament unzählige Male genannt wird und eine Grundeigenschaft Gottes bezeichnet, brauchte es die Feministische Theologie, um die Zusammenhänge aufzudecken und Gottes Mutterschössigkeit ins Licht zu rücken.8

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Eine kritisch-prophetische Ethik der Mitleidenschaftlichkeit

Papst Franziskus’ Nachdruck auf die Barmherzigkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf eine lange vernachlässigte und zutiefst biblische Redeweise von Gott. Doch lässt sich mit dem biblischen Verständnis der Barmherzigkeit eine kritisch-prophetische Ethik entwickeln, die auf konkrete Veränderungen und Befreiung zielt? Anders gefragt: Ist die Barmherzigkeit die Nothelferin auf dem Platz, die korrektiv wirkt, wo Recht und Gerechtigkeit nicht greifen? Oder deckt das Erbarmen auch Strukturen des Unrechts auf und drängt auf eine grundsätzlich andere, gerechtere Ordnung?

Johann Baptist Metz spricht in seiner Theologie nicht von Barmherzigkeit, sondern von Compassion, Mit-leiden.9 Es ist eine kleine sprachliche Verschiebung, die kritisch-befreiende Akzente setzt. Compassion nimmt den biblischen Begriff rachamim auf, indem er das Mit-Leiden mit dem schmerzlichen Verkrampfen der Eingeweide, insbesondere mit den Schmerzen der schwangeren und gebärenden Frau verknüpft. Gottes rachamim offenbart leidenschaftliche Verbundenheit und Anteilnahme und gilt vorrangig den Unterdrückten und Ausgeschlossenen. Göttliches Erbarmen drängt auf die Befreiung der geschundenen Geschöpfe.

Foto: b-fruchten/photocase.de

Mit dieser Theologie wird zum Ausdruck gebracht: Leiden ist nichts Privates, denn Gott nimmt Anteil am Leiden. Der Gottesgedanke – so betonte Metz und die Politische Theologie immer wieder – ist ein praktischer; er ruft uns in die Verantwortung:

«Von diesem Gott reden heisst, fremdes Leid zur Sprache bringen und versäumte Verantwortung, verweigerte Solidarität beklagen.»10

Entsprechend klagt Papst Franziskus 2013 auf Lampedusa angesichts der vielen im Mittelmeer ertrunkenen oder knapp mit dem Leben davongekommenen Migrant*innen:

«Wer von uns hat darüber und über Geschehen wie diese geweint? Wer hat geweint über den Tod dieser Brüder und Schwestern? Wer hat geweint um diese Menschen, die im Boot waren? Um die jungen Mütter, die ihre Kinder mit sich trugen? Um diese Männer, die sich nach etwas sehnten, um ihre Familien unterhalten zu können?»11

Foto: Muhammed Muheisen, AP/Keystone
Hussein Sbaih (18) trägt seinen 7jährigen Cousin Saifuallah, weil dieser die Beine gebrochen hat. Sie fliehen aus Syrien nach Europa.

Compassion ist also die Fähigkeit, mit den Armen unserer Zeit und um sie zu weinen. Eine Ethik der Compassion ist damit immer auch ein Sehen der Unordnung, der Unrechtsordnung. Das Leiden der Migrant*innen ist verursacht durch das strukturelle Ungleichgewicht in der Welt.12 Papst Franziskus bedankte sich bei den Bewohner*innen von Lampedusa für die Aufmerksamkeit, die sie den Menschen auf ihrer Reise nach etwas Besserem entgegenbrachten und für ihre Solidarität. Indem sie sich der Gleichgültigkeit widersetzten und handelten wurden sie Zeug*innen der Hoffnung: Eine andere Welt ist möglich.

  1. Papst Franziskus: Omelia Lampedusa (16.6.2019).
  2. Vgl. Hille Haker: Compassion für Gerechtigkeit, in: Concilium 53 (2017), S. 414-423; sowie das Kapitel «Innere Augen: Respekt und mitfühlende Phantasie» in Martha Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst, Darmstadt 22014, S. 120-155.
  3. Papst Franziskus: Omelia Lampedusa (Hervorhebung A. Büchel).
  4. Silvia Schroer / Thomas Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998, S. 75-91.
  5. Vgl. u.a. Hosea 11,8 und Jesaja 63,15.
  6. Exodus 34,6 (Bibel in gerechter Sprache).
  7. Katrin Brockmöller: «So bin ich: barmherzig!», in: Bibel heute (1/2016), S. 6-7, hier S. 7.
  8. Helen Schüngel-Straumann zeigte beispielsweise in den 1980er Jahren, dass Hosea 11 nicht von der «Vaterliebe» handelt, sondern durchwegs weibliche Gottesmetaphern benutzt, und sie sprach in Bezug auf Hosea 11,8f. vom «Mutterschoss» (vgl. Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker; Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, S. 307f.).
  9. Vgl. dazu Johann Baptist Metz: Für eine Ökumene der Compassion. Christentum im Zeitalter der Globalisierung, in: Christian Gremmels / Wolfgang Huber (Hg.): Religion im Erbe. Dietrich Bonhoeffer und die Zukunftsfähigkeit des Christentums, Gütersloh 2002, S. 242-255.
  10. Johann Baptist Metz: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie, Mainz 1998, S. 200f.
  11. Papst Franziskus: Omelia Lampedusa.
  12. Bildnachweis: Bild 1 und Bild 2: Keystone; Bild 3 und Bild 4: photocase.de; Bild 5: Muhammed Muheisen, AP/Keystone

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