Biblische Prophet*innen – Gottes Stimme(n)

Unter einem Propheten verstehen heute wohl die meisten jemanden, der ein Ereignis in ferner Zukunft voraussagen kann. Dieses Verständnis hat jedoch mit den biblischen Prophet*innen nichts zu tun.1

Im gesamten Alten Orient gab es zahlreiche Prophet*innen schon lange Zeit, bevor solche in der biblischen Tradition auftraten:2 Altorientalische Prophet*innen nahmen ihre Aufgabe vor allem an Königshöfen und an damit verbundenen Tempeln wahr. Sie berieten den König insbesondere bei dessen militärischen Aktionen, wobei sie ihm grösstenteils Erfolg zu verheissen hatten.

Biblisch: Opposition

Im Unterschied dazu waren die allermeisten biblischen Prophet*innen nicht an einem Königshof angestellt, sondern standen in Opposition zum König und den damit verbundenen Tempelhierarchien, Militärs, Grossgrundbesitzern und Händlern. Das ist eine beachtenswerte Besonderheit der biblischen Prophetie! Vor allem die schriftlichen Prophetenbücher des Alten Testaments zeigen, wie sehr biblische Prophet*innen gegen ungerechte Herrschaftsstrukturen protestierten.

Biblische Prophet*innen sagten nicht die ferne Zukunft voraus, sie nahmen vielmehr die Gegenwart mit wachem Verstand wahr. Gottes Willen erkannten sie darin, dass jeder Mensch in Würde und Friede leben können soll – das nannten sie Gerechtigkeit.

Daher traten biblische Prophet*innen ganz besonders für die Benachteiligten der Gesellschaft ein und kritisierten politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Machtmissbrauch.

Umkehr

Wenn die Machthaber, aber auch das Volk insgesamt, nicht umkehren von ihren egoistischen, raffgierigen Wegen, dann – so verkündeten Prophet*innen unermüdlich – wird es mit dem Gemeinwohl (dem Königtum, der Stadt, dem Staat) ein schlimmes Ende nehmen. Das ist nicht ein hellseherisches, «übernatürlich» eingegebenes Voraussagen der Zukunft, sondern eine tiefe Einsicht in die Folgen menschlichen Verhaltens.

Indem die prophetischen Bücher zur Bibel gehören, wird in der jüdisch-christlichen Tradition betont: Selbstkritik gehört zu jeder gesunden Religion. Ohne selbstkritische Stimmen verkommt eine Religion zur Ideologie. Und umgekehrt gehört zu einer glaubwürdigen Religiosität zentral auch das politische, gesellschaftskritische Eintreten für eine gerechte Gesellschaft. In den kritischen Stimmen der Prophet*innen, wird Gottes Stimme vernehmbar.

Martin Luther King Jr., 8. Juni 1964

Parteinahme für Unterdrückte und Benachteiligte

Was kritisieren die Prophetenbücher konkret? Die Kritik betrifft vor allem drei Bereiche:

(1) Sozialkritik: Der Protest zugunsten der Armen und Benachteiligten durchzieht die prophetischen Bücher wie ein roter Faden:

«Hört dies, die ihr den Armen tretet und die Elenden im Land vernichtet» (Amos 8,4; vgl. 4,1; 5,10).

Benachteiligte und Unterdrückte in biblischer Zeit waren namentlich materiell «Arme», «Fremde», «Witwen und Waisen». Gott selbst ergreift gemäss der biblischen Prophet*innen Partei für diese Unterdrückten und Schwachen (Jeremia 49,11). Ihren Unterdrückern und Ausbeutern jedoch drohten Prophet*innen mit Gottes Zorn und Gericht.

(2) Herrschaftskritik: Unter Einsatz ihres eigenen Lebens protestierten biblische Prophet*innen gegen unrechte Herrschaftsstrukturen. Konkret kritisierten sie machtgierige, betrügerische Fürsten und Könige mit ihren Gewalttaten und Verwüstungen, habsüchtige Reiche, ungerechte, bestechliche Richter sowie – aufseiten der religiösen Machthaber – falsche Propheten (Micha 3,5-8; Jeremia 23,9-24; Ezechiel 22,25) und egoistische Priester (z. B. Jeremia 5,31; Ezechiel 22,26).

(3) Kultkritik: Religiöser Kult und Frömmigkeit wurde von biblischer Prophetie schonungslos mit Gottes Forderung nach konkret gelebter Gerechtigkeit konfrontiert:

«Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen […] Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser.» (Amos 5,21-24)

Wenn die Gottesdienste Israels – wie alle Gottesdienste und alle Religiosität – nicht zur alltäglichen Verwirklichung von Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Solidarität beitragen, so sind sie null und nichtig (Jeremia 7,1-15; Jesaja 1,10-20).

Auch Jesus Christus stand mit seinem Wirken in der alttestamentlich-jüdischen prophetischen Tradition, so sehr, dass ihn seine Mitmenschen wahrscheinlich überwiegend für einen Propheten hielten: Einige «für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen der Propheten» (Matthäusevangelium 16,14 par.).

Visionen einer besseren Welt

Biblische Prophetie bleibt nicht bei der analytischen, anklagenden Kritik stehen, sondern sie wird konstruktiv, indem sie Visionen entwickelt und den Gotteswillen konkretisiert:

Die vielfältigen prophetischen Visionen einer besseren Zukunft ermutigen zum Handeln und zur Neugestaltung der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind neben der Vision der sozialen Gerechtigkeit auch die Visionen der Eigenverantwortung von Generationen oder Individuen (Ezechiel 18), die Forderung nach der Gewaltenteilung zwischen Königtum und religiösem Kult (Ezechiel 40-48) und die Vision des Völkerfriedens:

Und Gott «wird für Recht sorgen zwischen vielen Völkern und mächtigen Nationen Recht sprechen, bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen.» (Micha 4,3; vgl. Jesaja 2,1-5)

Das ist Aufforderung und Auftrag der biblischen Prophet*innen: eine solidarische, friedfertige Gemeinschaft aller Menschen. Erst wenn dies verwirklicht ist, ist Gottes Stimme bei allen Menschen angekommen.

Die Friedensgemeinschaft Jena demonstierte am 14.11.1982 – mitten im sog. Kalten Krieg – schweigend für den Frieden (Foto: BStU, Mfs, BV Gera, Abt. 8, BB 101/82, Mappe 2)

Und heute?

In der Menschheitsgeschichte gab und gibt es unzählige kleinere und grössere, bekannte und unbekannte Menschen, die sich wie die biblischen Prophet*innen für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetzten und einsetzen. Heute ist neben dem Engagement für eine gerechtere, solidarischere Weltgemeinschaft jenes für den Schutz des Klimas hervorzuheben: Alle seriösen Klimaberichte zeigen, welch katastrophale Folgen eine weitere Verschmutzung für das Leben auf der Erde hat.3Und auch heute gibt es «falsche Prophet*innen», welche wissenschaftliche Erkenntnisse als «Schwindel» bezeichnen.

Das eindrückliche Engagement für Klimaschutz der jetzt 16-jährigen Greta Thunberg aus Schweden und der Jugendlichen, die sich ihrem Protest weltweit anschliessen, steht genau auf der Linie biblischer Prophetie: Mit ihrem Schulstreik für den Klimaschutz und persönlichem Vorbild reden sie den politischen und wirtschaftlichen Verantwortungsträger*innen und uns allen ins Gewissen, jetzt umzukehren und die Erde als unsere Lebensgrundlage zu bewahren.

 

  1. Titelbild: Greta Thunberg demonstrierte 2018 als 15-Jährige vor dem Parlament in Stockholm für den Klimaschutz. Ihrem «Schulstreik für das Klima» schlossen sich weltweit zehntausende Schüler*innen an. Foto: Keystone.
  2. Vgl. André Flury: Biblische Prophetie (Am 7,12-15; Mk 6,7-13), in: Die siebzig Gesichter der Schrift, Bd. 1: Auslegung der alttestamentlichen Lesungen des Lesejahres B, hg.v. Schweizerisches Katholisches Bibelwerk, Fribourg 2011, 202-206; weiterführend Aaron Schart: Prophetie (AT), auf: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/31372/Erhard Gerstenberger: Königskritik, auf: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/23772/RainerKessler: Sozialkritik, auf: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/30082/(alle Online-Abfragen: 20.2.2019).
  3. Vgl. die UN-Klimaberichte der ICCP auf Deutsch unter: https://www.de-ipcc.de; vgl. zudem https://www.swissinfo.ch/ger/wissen-technik/ipcc-klimabericht_kampf-gegen-klimaerwaermung—die-naechsten-zehn-jahre-sind-entscheidend-/44459508 (8.10.2018).

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