Gottesgeburt und Menschwerdung

Was es bedeutet, geboren zu sein, darüber hat bekanntlich Hannah Arendt nachgedacht und mit «Natalität» einen neuen Begriff in die Philosophie eingebracht. Die Philosophin nimmt in ihren Ausführungen auch auf Weihnacht und ihre Hoffnungsbotschaft Bezug.

Arendts Biographie weist Brüche auf, ihr Leben (1906-1975) ist von den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten muss die Jüdin ihre Heimat Deutschland verlassen und 1941 auch aus dem besetzen Frankreich fliehen; später stellt sie sich als Reporterin dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und berichtet darüber. Trotz dieser Erfahrungen verzweifelt Hannah Arendt nicht an der Geschichte und den Menschen:

«Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien <die frohe Botschaft> verkünden: <Uns ist ein Kind geboren.>»1 

Natalität – Geborenwerden

Hannah Arendt denkt geburtlich, weihnachtlich.2 Nicht das Sterbenmüssen und die Endlichkeit stehen in ihrem Fokus, sondern die Fähigkeit anzufangen und Neues in die Welt zu setzen. In Arendts Denken sind die Menschen nicht in die Welt geworfen, sondern geboren von einer Mutter und damit von Anfang an bezogen auf anderes, angewiesen auf Zuwendung, Fürsorge und Nahrung. Als Geborene sind wir Menschen abhängig und zugleich frei, Anfänge zu setzen und überraschend Neues ins Spiel zu bringen.

«Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen […] Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömm­ling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.»3

Freiheit ist bei Hannah Arendt nicht absolute Souveränität, kein Sich-Absetzen von Herkunft, Natur und Welt, sondern Freiheit-in-Bezogenheit: die Fähigkeit, einen besonderen, einzigartigen Faden in das Bezugsgewebe zu ziehen. Damit betont Arendt das Dynamisch-Kreative, das nicht Plan- und Herstellbare und durchbricht die statische Ordnung von Geist und Materie, von oben und unten.

Gott wird Mensch

An Weihnachten feiert die Christenheit die Geburt Jesu und damit verbunden die Überzeugung, dass im Leben und Sterben des Jesus von Nazaret Gott den Menschen in wunderbarer Weise nahegekommen ist. «Deus incarnatus est» – Gott wird Fleisch, Gott wird Mensch, das Wort wohnt mitten unter uns. Es ist ein radikaler Gedanke, der hinter Weihnachten steckt. Jegliches Bemühen, Irdisches und Himmlisches fein säuberlich zu trennen, wird im Geheimnis der Menschwerdung durchkreuzt. Das Konzil von Chalcedon formuliert im 5. Jahrhundert paradox, Göttliches und Menschliches seien in Jesus Christus unvermischt und ungetrennt.

Gott kommt uns in unserem Menschsein nahe. Gott macht sich unser faktisches Menschsein zu eigen. Es ist kein für die Gottesbegegnung zurechtgemachter, kein idealer, körperlich oder sittlich vollkommener Mensch.4 Es ist ein Kind, geboren von einer Frau, in Windeln gewickelt. Oder um mit Hannah Arendt zu sprechen: ein Mensch, frei in bleibender Abhängigkeit.

In Windeln gewickelt

Die Provokation der Menschwerdung wird gerade an Weihnachten oft abgeschwächt und verniedlicht. So besingt das Kirchenlied Ihr Kinderlein kommet «in reinlichen Windeln das himmlische Kind, viel schöner und holder, als Engel es sind». Die Inkarnation Gottes impliziert zwar Verkörperung und somit Abhängigkeit, «aber bitte nicht zu viel an körperlicher Konkretheit und vor allem fehlender Kontrolle, und wenn überhaupt, dann nur im Kontext der Passion und quasi immer im Duktus frei gewählter Erniedrigung und Entäusserung».5 Lukas aber erwähnt in seinem Evangelium gleich zweimal das in Windeln gewickelte Kind (Lukas 2,7.12). Ja, Windeln und Krippe werden bei ihm zum Zeichen des göttlichen Kindes. Wenig zu tun mit der Lebensrealität der meisten Menschen damals und heute hat auch das Bild des friedlich schlummernden, niedlichen Jesuskindes als Teil der «Heiligen (Klein)Familie». In den Kindheitsevangelien bei Lukas und Matthäus prägen Abhängigkeit und Sorge, Demütigung, Elend und Flucht, Kindermord und Geschrei das Geschehen. Wie Mose bedarf auch Jesus der vielfältigen Fürsorge und Zuwendung von Frauen, Männern und Engeln, um zu überleben und zu jenem zu werden, der Gottes lebendige Nähe bezeugt und «Sohn des Höchsten» (Lukas 1,32) genannt wird.

Maria singt

Das Lukasevangelium erzählt, dass der Geburt Jesu das Ja Mariens vorausgeht. Das menschliche Zeichen der Zuwendung Gottes bedarf der menschlichen Mitarbeit. Ina Prätorius weist darauf hin, dass das griechische Wort Materia von Mater (=Mutter) abstammt. Mütter, Sklavinnen und Sklaven wurden im alten Griechenland als der blinden Materie verwandt und weniger geistbegabt in die niedrig eingestufte Hausarbeit verbannt. Maria, so erzählt dagegen das Evangelium, wird mit ihrer Schwangerschaft zur Prophetin und singt von der heiligen Geistkraft Gottes, die Neues werden lässt. Bestimmt braucht Gott auch heute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Handelnd können wir dem Leben in uns und um uns zu Neuanfängen verhelfen.

  1. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 91997, S. 317. Vgl. auch Hannah Arendt: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk, München 61997.
  2. Hannah Arendts Denken der Geburtlichkeit wurde vor allem von feministischen Denkerinnen rezipiert. In der Theologie sind es im deutschen Sprachraum Andrea Günter und Ina Prätorius. Vgl. Andrea Günter (Hrsg.): Maria liest – das heilige Fest der Geburt, Rüsselsheim 2004.
  3. Vita activa, S. 215.
  4. Vgl. Magdalena L. Frettlöh: «Gott ist im Fleisch…» Die Inkarnation Gottes in ihrer leibeigenen Dimension beim Wort genommen, in: Dies., Jürgen Ebach, Hans-Martin Gutmann, Michael Weinrich: «Dies ist mein Leib». Leibliches, Leibeigenes und Leibhaftiges bei Gott und den Menschen, Gütersloh 2006, S. 186-229, S. 187. Frettlöh setzt über ihren Artikel ein Wort von Kurt Marti: «ach wäre ein gott / ach wäre ein gott / der fleisch wird im fleisch / eines überaus dicken mädchens.»
  5. Saskia Wendel: «Ein Kind, in Windeln gewickelt…» Zur Verkörperung Gottes, auf www.feinschwarz.net (24.12.2016)

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