Fehler – nur der Anfang der Geschichte?

Eine Frage: «Macht Gott Fehler?»1

Erste Stimme: «Nein, Gott kann keine Fehler machen, denn Gott ist per Definition vollkommen. Ein fehlerhaftes Wesen ist nicht Gott.»

Zweite Stimme: « Schweig! So was darfst du nicht fragen. Du lästerst Gott.»

Dritte Stimme: «Wie kommst du auf so eine abstruse Idee. Hör auf zu spintisieren, konzentrier dich lieber auf deine Arbeit.»

Vierte Stimme: «Wenn ich all das Leiden in der Welt sehe, das Elend der Kreatur … Da fragt es schon in mir: Muss das sein? Ist da was schiefgelaufen?»

In der Geschichte der Theologie dominierte über Jahrhunderte die erste Stimme. Zum abgeklärten Wissen, wie die Gottheit ist, gesellte sich die angstvolle Überzeugung, dass sündige, wer Gottes Allmacht, Güte und Weisheit in Frage stelle. Andere Stimmen, die biblische etwa, hatten Mühe sich Gehör zu verschaffen. War da nicht einer, Hiob sein Name, der mit Gott hart ins Gericht ging und die eigene Geburt als Fehler beklagte? Seine Stimme wird vom fraglosen Wissen und dem auferlegten Schweigen gleichermassen ausgesperrt.

Doch vermag die logische Wahrheit Gott = vollkommen auch existentiell zu tragen? Und: Darf man den Gottesbegriff in dieser Weise von unseren Erfahrungen und Wahrnehmungen abkoppeln? «Macht Gott Fehler?» – eine irritierende Frage, gewiss. Doch setzen wir nicht beim Gottesbegriff, sondern der Welt an, kann es sein, dass sie sich aufdrängt, uns ungefragt überfällt oder sich leise einschleicht. So schreibt Fridolin Stier:

«Erster Augenaufschlag: Von der Veranda herein der Kater mit dem Vogel im Maul – einem halbflüggen Dompfäffchen …

Unerträglich, verehrtester Herr! Aber dein ist das ‹Recht› und die Macht und die Herrlichkeit –

aber mein ist das ‹Recht› auf den Schrei!

Guten Morgen, Herr Allherr! Guten Morgen, Herr ‹Vater›! Das Dompfäffchen zwischen den Zähnen des Katers, es jammert dir piepsend, kläglich die laudes, den Psalm. Und stirbt.

‹Wenn ich deiner gedenke…› – gestatte: mich würgt’s!»2 

Alles in Ordnung?

Diese Worte, die der Tübinger Theologe Fridolin Stier am 10. Juli 1971 in sein Tagebuch schreibt, sind hart. Man könnte jetzt auf die Ordnung der Natur verweisen: So sei das eben eingerichtet. Damit hat man selbstverständlich Recht. Doch hat man Gott so aus der Verantwortung entlassen. Wessen ist die Ordnung, wenn Gott der Schöpfer ist? «Mein Problem», so Fridolin Stier an anderer Stelle, «ist nicht, ob Gott ist oder nicht, das meine beginnt damit, dass er ist.»3 

Kinder lassen sich vom Fressen und Gefressenwerden in der Natur noch irritieren. So betonte mein dreijähriger Sohn stets, dass der Löwe die bösen Tiere frisst. Die Vertreter*innen von intelligent design, die sich in der Diskussion um Schöpfung und Evolution zu Wort melden, erscheinen mir «abgeklärt», alles scheint sich ihnen «logisch» zu erschliessen. Das Leben sei zu komplex, als dass es Produkt des Zufalls sein könne; eine so intelligente Ordnung verlange einen genialen Designer. Es scheint, dass die dunkle Frage an Gott in dieser Position keinen Platz mehr hat. Ausgeblendet die Angst und Qual der gehetzten Antilope. Anders der Apostel Paulus: «Wir wissen, dass alles Geschaffene seufzt und sich bis zur Stunde schmerzlich ängstigt.» (Römerbrief 8,22) Wer die Mitschöpfe wirklich wahrnimmt, kann sich in Verbundenheit mit den Geschöpfen schmerzlich berühren lassen und zu Gott klagen. Sie (oder er) kann mit Gott reden, streiten, hadern, rebellieren … Wer klagt, geht davon aus, dass der Grund der Schöpfung Gehör ist.4 Denn was wäre unsere Klage ohne «das aufgespannte Ohr Gottes» (Felicitas Hoppe)?

Irren ist menschlich

Dass Irren zum Menschsein gehört, wissen wir aus Erfahrung. Das Sprichwort signalisiert zugleich, dass darin auch Menschlichkeit liegt. Die Menschen sind nicht fehleranfällig, sondern irrtums- und fehlerfähig! Wer mit Fehlern umgehen kann, wer Fehler bei sich und anderen respektiert, zeigt menschliche Reife und ethische Kompetenz. Eine Fehlerkultur war in vielen Lebensbereichen lange kaum vorhanden und wird nun vielerorts aufgebaut.

Als Papst Paul VI. im Jahr 1968 nach langem Ringen die künstliche Empfängnisverhütung verbot, reagierten die deutschen Bischöfe weise. Im Wissen um die Bedenken vieler und in der Absicht, die Mitverantwortung der «Basis» zu stärken, riefen sie die Ehepaare dazu auf, ihren Entscheid gewissenhaft zu prüfen. Zum anderen hielten die Bischöfe die Seelsorgenden an, diesen Gewissens­entscheid zu achten, unabhängig davon, ob er der kirchlichen Weisung entsprach.

Schon Thomas von Aquin hielt im 13. Jahrhundert der Versuchung der katholischen Kirche, unbedingten Gehorsam zu verlangen, die Lehre vom irrenden Gewissen entgegen. Das Gewissen ruft uns dazu auf, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Gegen eine Verabsolutierung des Gewissens, die jede Rechtfertigung und jede Infragestellung ausschliesst, gegen die Vorstellung, das Gewissen sei eine Stimme, der blind zu folgen sei, betont Thomas, dass das Gewissen uns inhaltlich nicht sagt, was zu tun ist. Was das Gute ist, ist in der jeweiligen Situation konkret auszumachen; dieser Entscheid kann je nach Person unterschiedlich und – aus diversen Gründen – auch falsch ausfallen. Trotzdem darf der Entscheid weder an Kirche noch Staat delegiert respektive an deren Normen gebunden werden. Die Irrtumsfähigkeit ist auszuhalten. Thomas widersteht der Versuchung, auf mögliche Fehlentscheidungen mit Entmündigung zu reagieren. Denn, so betont Thomas, durch unsere konkreten Entscheidungen gewinnen wir unsere je eigene, unverwechselbare Identität. Und: Die Würde der Menschen liegt in der Fähigkeit zu entscheiden, nicht jedoch darin, richtig zu entscheiden.

Thomas von Aquin

Der sogenannte Sündenfall

Dass Leben stets von Störungen begleitet ist, davon erzählt uns die Bibel schon auf ihren ersten Seiten. In den als Urgeschichten bezeichneten Erzählungen der Genesis geht es nicht um die Abfolge von Schöpfung und Sündenfall, sondern um Grundspannungen des Lebens. Die Vertreibung aus dem Paradies erzählt davon, dass wir uns zur Freiheit berufen, aber auch von Schuld gezeichnet erfahren; dass uns Räume eröffnet und Grenzen gesetzt sind; dass wir uns auf dieser Erde heimisch fühlen und fremd; dass Gott uns nahfern ist; dass unsere Beziehungen glücken und wir uns belasten.5 Erzählt wird auch Gottes Reaktion: Die «Fehlerhaften» werden von ihm gekleidet. In ihrer Blösse schenkt er ihnen Schutz, Zuwendung und Ansehen. Als sie sich aus Scham oder Furcht verstecken, da ihre Gottesbeziehung Brüche bekam, sucht er sie. Von der Solidarität Gottes erzählt uns auch die Sintfluterzählung, zumindest in ihrem Ende. Da wird in Spannung zur guten Schöpfung berichtet, wie das Leben von Gewalt und Bosheit überflutet wird und zu versinken droht. Gottes Antwort auf die harte Realität ist schliesslich der Bund mit den Menschen. Das heisst doch: Wir haben einen Verbündeten in unserem Kampf um Leben und Menschlichkeit.

Um Gottes Willen

Fehler gehören zum Leben – die, die man macht und die, die man hat. Doch damit fängt die Geschichte eigentlich erst an. Kennen Sie das Gleichnis von den zehn Jungfrauen? Es erzählt von zehn jungen Mädchen im heiratsfähigen Alter, die ihre Lampen nahmen und gingen, um dem Bräutigam zu begegnen (Matthäus 25,1-13). Eine Hochzeit, das war ihre Chance, sich auf dem Heiratsmarkt zu präsentieren. Dort konnten sie junge Männer kennenlernen. So stellten sich die Zwölf-, Dreizehnjährigen ins beste Licht, machten sich schön und warteten. Als der Bräutigam endlich kam – müde geworden waren sie in der Zwischenzeit eingeschlafen –, war bei fünfen das Licht ausgegangen und sie hatten vergessen, Öl mitzunehmen. Dumm gelaufen! So baten sie die fünf anderen um Öl. Doch diese, die so klug vorgesorgt hatten, wollten nicht teilen: Wo kämen wir da hin! Also mussten die fünf Dummen ins Dorf. Als sie zurückkamen, hatten sie den Bräutigam nicht nur verpasst, die Tür zum Hochzeitsfest war geschlossen und es nützte kein Klopfen. Unbarmherzig wies der Bräutigam sie ab mit den Worten: Ich kenne euch nicht. Sie blieben draussen.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen mit diesem Gleichnis geht. Vielleicht kennen Sie das, ein vergleichsweise kleiner Fehler und man ist die Dumme. Wie sagt man gemeinhin: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Aber diese fünf jungen Mädchen hatten doch von Anfang an keine Chance! Fünf waren dumm und fünf schlau, heisst es zu Beginn der Geschichte. Um Gottes Willen, man kann doch diese jungen Mädchen nicht draussen in der Nacht sitzen lassen! Was haben sie denn getan? Ihr Fehler war, zu sorglos zu sein, zu naiv. Oder einfach zu wenig zu haben an Besitz, an Ressourcen. Und die fünf Klugen sind jetzt einfach fein raus, oder wie? Warum sagt niemand etwas zum unsolidarischen Verhalten der Klugen?

Die Auslegungstradition, den Bräutigam hier mit Christus oder Gott zu identifizieren, hält sich hartnäckig. Damit wird jedoch gemäss Luise Schottroff das gesellschaftliche Unrecht legitimiert.6 Was hier erzählt wird, steht im Kontrast zur Wirklichkeit Gottes. Das Gleichnis endet so grausam, weil es unsere Empörung und unseren Protest hervorrufen will!

Noch ist Zeit

Fehler gehören zum Leben. Doch wie gesagt, damit fängt die Geschichte erst an: wir können gegen das Verhalten des Bräutigams protestieren und listig nach Lösungen suchen. Wir können die Türe öffnen und sagen: Wir kennen euch – kommt herein. Noch ist Zeit, die Gewalt zu beenden; noch ist Zeit, der Unbarmherzigkeit entgegenzuhalten, damit Fehler nicht tödlich wirken. «Bleibt wach», fordert das Gleichnis uns auf. Ich verstehe den Aufruf in dem Sinne, dass wir nicht wegschauen, wenn etwas schiefläuft. Es ist eine vorrangige Aufgabe des Glaubens, uns sehend zu machen. Fehler wahrnehmen, nicht um Bilanz zu ziehen, sondern um etwas zu verändern. Es kann noch etwas werden. Das ist die Sprache der Hoffnung. Und die glaubt immer, dass «noch etwas zu machen ist». Die muss sich nicht versichern, ob die Sache auch wirklich gelingt. Oder ob es klug sei, so zu handeln. Es muss nicht so weitergehen. In jedem Augenblick ist es möglich, umzukehren, damit es neu anfängt.

Weggefährtin Hoffnung

Die junge christliche Gemeinschaft verstand ihren Glauben als Weg. Damit gab sie zum Ausdruck, dass die Wahrheit zu tun ist. Es ging ihr aber nicht nur um die Praxis des Glaubens, sondern auch um das Ausbleiben des Gottesreiches bzw. um dessen Wachsen. Noch nicht am Ziel, in der Fremde unterwegs, doch losgeschickt, aufgebrochen und auf die Spur gesetzt, so verstanden sie sich. Die Begegnung mit Jesus hat die Sehnsucht wachgehalten. Nicht gegen das Scheitern gefeit, aufmerksam für das Gedeihen am Wegesrand, gingen sie von der Hoffnung und ihren kraftvollen Bildern begleitet: Einmal wird es sein …

  1. Erstveröffentlichung Angela Büchel Sladkovic: Macht Gott Fehler? Theologische Einwürfe, in: Schritte ins Offene 38 (4/2008), S. 14-16.
  2. Fridolin Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag. Die Aufzeichnungen und Erfahrungen eines grossen Denkers, Freiburg i.Br. 2. Aufl. 1993, S. 90.
  3. Fridolin Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag. Die Aufzeichnungen und Erfahrungen eines grossen Denkers, Freiburg i.Br. 2. Aufl. 1993, S. 276.
  4. Vgl. Fulbert Steffensky: Schöne Aussichten. Einlassungen auf biblische Texte, Stuttgart 2006.
  5. Vgl. Volker Weymann: Vertrieben und bewahrt. Von der Erschaffung und Verfehlung des Menschen. Genesis 2,4b-3,24, in: Ökumenischer Arbeitskreis für Bibelarbeit (Hg.): Urgeschichten, Zürich 1985, S. 69-110. André Flury: Adam & Eva – oder vom Nacktsein, www.glaubenssache-online.ch
  6. Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005, S. 49.

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