Eine lernende Kirche

«Nur die Feinde der Kirche wollen, dass sie bleibt, wie sie ist» (Kardinal Henri de Lubac SJ, 1896–1991), so endete unser Artikel zu Pfingsten und Gottes Geist.1 Im Umkehrschluss bedeutet dies, Freunde und Freundinnen der Kirche wollen, dass Kirche sich verändert!

Freundinnen und Freunde der Kirche wollen, dass die Kirche sich den Herausforderungen der Zeit stellt und ihre Botschaft immer wieder neu verkündet. Dabei geht es nicht darum, der Kirche oder der Botschaft ein modernes Gewand zu verpassen. Alte Antworten in neuer Sprache – das wäre zu einfach. Gefragt ist nicht die (be)lehrende Kirche als vielmehr eine lernende Kirche. Gefragt sind Auseinandersetzung, Dialog, Lernbereitschaft, um im Verstehen und Leben der christlichen Botschaft zu wachsen, die eigene Lehre zu überdenken und neue Antworten zu suchen und zu erproben.

Eine lernende Kirche – 2. Vatikanisches Konzil, Beratungen zur Ökumene am 29. September 1963.

Bekenntnis zu einer lernenden Kirche

Das 2. Vatikanische Konzil hat vor 60 Jahren neu beschlossen, eine lernende Kirche zu sein und «die Zeichen der Zeit» zu erkennen. Eine lernende Kirche ist immer eine zuhörende Kirche und so beginnt die Pastoralkonstitution Die Kirche in der Welt von heute mit dem berühmten gewordenen Einleitungssatz:

«Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger[innen] Christi.»2

Als Jorge Mario Bergoglio 2013 als neuer Papst auf den Balkon tritt und die wartenden Menschen mit seinem schlichten «Buona sera» überrascht und berührt, knüpft er mit diesen ersten Worten seine Pontifikats an das Konzil an: die Kirche als eine Gemeinschaft, die den Menschen nahe ist, als eine Gemeinschaft auch, die sich mit der Geschichte der Menschheit verbunden erfährt.

Schwierige Lernprozesse

Trotz dieses Bekenntnisses zu einer zuhörenden und lernbereiten Kirche haben viele Frauen und Männer in den vergangenen Jahrzehnten die katholische Kirche als belehrend, ausgrenzend und starr erfahren. Und auch Papst Franziskus muss gegen erbitterten Widerstand jener ankämpfen, die nichts an der Kirche ändern wollen. Viele Freundinnen und Freunde der Kirche haben ihr enttäuscht und verletzt den Rücken gekehrt. «Ich kann auf Gott warten. Ich muss immer wieder um den Glauben ringen. Aber ich warte nicht mehr auf die Kirche…. das dauert mir zu lange», sagte die Theologin und Schriftstellerin Christine Brudereck vor ein paar Jahren. Und Martin Werlen, der frühere Abt des Klosters Einsiedeln, diagnostiziert in seinem neuen Buch provokativ: «Zu spät.»3

Dass die Kirche jedoch lernen und sich entscheidend verändern kann, zeigte sich gerade im Konzil. Denn es blieb nicht bei der Absichtserklärung, die Versammlung setzte in vielerlei Hinsicht die geforderte Neuorientierung um. Ich greife im Folgenden zwei Beispiele auf. Die Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen und insbesondere zum Judentum zeigt die Fähigkeit, tiefverwurzelte Mentalitäten selbstkritisch hinter sich zu lassen und neue Sichtweisen zu lernen. Die Anerkennung der Menschenrechte bekräftigt die Bereitschaft, «von der Welt» zu lernen.

Ein neues Verhältnis zum Judentum

Die neue Sicht auf das Judentum und die anderen Religionen formuliert das Konzil 1965 noch vorsichtig, wenn es von einem Strahl der Wahrheit spricht, die alle Menschen erleuchtet.4 Doch es ist ein Durchbruch, der Anfang eines schwierigen und konfliktreichen Gesprächs. Ausgelöst wird die Neuorientierung durch die Erinnerung an die Shoa (den Holocaust), eine Erinnerung, die angesichts des Versagens der Kirche und der Mehrheit der Christ*innen im Nationalsozialismus gekoppelt ist mit Schuld und Scham.

Nach jahrhundertelanger christlicher Abwertung des Judentums und Verfolgung der Juden und Jüdinnen hat die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt, die Religion Jesu neu zu sehen. Die Christ*innen sind nicht einfach Erben der Jüd*innen, deren Religion gewissermassen überholt wäre durch das Christentum. Christ*innen und Jüd*innen sind vielmehr Geschwister, die friedlich und respektvoll miteinander leben sollten. Das Konzilsdokument greift das Bild des Apostels Paulus vom Ölbaum auf: der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk bleibt unwiderruflich, ewig bestehen; das Christentum ist der aufgepfropfte Zweig, der Anteil hat an der Kraft der Wurzel, die das Judentum ist. Und Paulus weist jegliche christliche Überheblichkeit in Schranken, wenn er erinnert: «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.» (Der Brief an die Römer, Kapitel 11,18)

Anerkennung der Menschenrechte

Historisch durchgesetzt haben sich die Menschenrechte in den Revolutionen des 18. Jahrhunderts in Nordamerika und in Frankreich; sie werden im Kampf auch gegen religiöse Autoritäten errungen. 1948 verkündigen die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschen­rechte. Ein Ereignis, das Papst Johannes XXIII. 1963 in seiner Enzyklika «Pacem in terris» (Frieden auf Erden) als ein «Zeichen der Zeit» würdigt. Das ethische Fundament der Menschenrechte, die Freiheit und Würde des Einzelnen wird damit von der Kirche anerkannt! So schreibt das Konzil im 1. Absatz der Erklärung über die Religionsfreiheit:

«Die Würde der menschlichen Person kommt den Menschen unserer Zeit immer mehr zum Bewusstsein und es wächst die Zahl derer, die den Anspruch erheben, dass die Menschen bei ihrem Tun ihr eigenes Urteil und eine verantwortliche Freiheit besitzen und davon Gebrauch machen sollen, nicht unter Zwang, sondern vom Bewusstsein der Pflicht geleitet.»5

Mit der Anerkennung der Autonomie und Personwürde ändert sich das kulturelle Selbstverständnis des Katholizismus fundamental. Der Kirchenrechtsprofessor Adrian Loretan spricht von einer kopernikanischen Wende: Bis vor dem Konzil geht die katholische Kirche «vom Primat der Wahrheit gegenüber der Freiheit aus. Nur die Wahrheit hat ein Recht, der Irrtum hat keinerlei Recht.»6 Der Einzelne hatte sich der Kirche als Instanz der Wahrheit zu beugen. Nun aber kann Zwang nicht mehr länger mit dem Hinweis auf «das Recht der Wahrheit» legitimiert werden. Dagegen steht das personale Recht der Freiheit. Das Prinzip des Dialogs und der Anerkennung des Anderen hält in der Kirche Einzug und verändert sie von Grund auf.

Die Kirche spricht von sich selber als «Ecclesia semper reformanda», als Kirche, die immer wieder reformiert werden muss, und sie hat dies in ihrer langen Geschichte auch immer wieder erfahren. Sie weiss um die Notwendigkeit von Veränderung. Gerade das Thema Menschenrechte zeigt aber auch, wie schwierig Reformprozesse sind. Menschenrechte sind auch Frauenrechte und LGBTI*-Rechte und hier muss die katholische Kirche entschieden noch dazu lernen.

  1. André Flury: Gottes Geist (I). Lebensatem – Widerstandskraft – lebendigmachend. www.glaubenssache-online.
  2. Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute «Gaudium et spes», in: Karl Rahner / Herbert Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium, Freiburg i.Br. 15. Aufl. 1981, S. 449.
  3. Vgl. http://www.christinabrudereck.de und Martin Werlen: Zu spät. Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle, Freiburg i.Br. 2018
  4. «Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.» (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen «Nostra Aetate», in: Karl Rahner / Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskonpendium, Freiburg i.Br. 15. Aufl. 1981, S. 350)
  5. Erklärung über die Religionsfreiheit «Dignitatis humanae», in: Karl Rahner / Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskonpendium, Freiburg i.Br. 15. Aufl. 1981, S. 661.
  6. Adrian Loretan: Katholische Kirche und die Menschenwürde, www.feinschwarz.net/katholische-kirche-menschenwuerde/ 19. September 2015

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