Gottes Geist (I): Lebensatem – Widerstandskraft – lebendigmachend

Der Glaube an Gottes Geist ist universal und konkret zugleich. Es ist der Glaube, dass das Leben selbst ein Wunder ist.

Der Glaube an Gottes Geist ist universal: Es ist nicht selbstverständlich, dass überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts existiert. Daher glauben die Menschen zur Zeit der Bibel daran, dass die Erde und alles, was ist, von Gott erschaffen wurde und von Gottes Geist immer wieder neu ins Leben gerufen wird: «Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde» (Psalm 104,30).

Der Glaube an Gottes Geist ist konkret: Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen sich für Werte wie Gerechtigkeit und Frieden engagieren. Daher beschreiben biblische Texte, dass Gottes Geist in der Geschichte Israels wirkte, indem Prophet*innen Unrecht in Politik und Religion beim Namen nannten und eine gerechte Gesellschaft forderten. In dieser Tradition stand auch Jesus von Nazaret, der nach den Evangelien von Gottes Geist empfangen und in der Taufe von Gottes Geist erfüllt wurde sowie in Gottes Geist wirkte.

Auf diesen Geist Gottes berufen sich die Nachfolger*innen Jesu: Wo sie Grenzen der Sprache und Kulturen überwinden und Frieden stiften, wo sie Lebensressourcen miteinander und besonders mit den Armen teilen, wo sie tröstend und heilend Menschen begegnen, wo sie sich an die Erlebnisse in der Geschichte des jüdischen Volkes und an ihre Erlebnisse mit Jesus von Nazaret erinnern und davon erzählen – überall da glauben sie an das Wirken von Gottes Geist, überall da ist Pfingsten.

Können wir auch heute noch an Gottes Geist glauben? Ich selbst bin überzeugt davon. Denn es gibt Erfahrungen im Hier und Jetzt, die sich mit den Erfahrungen der Menschen zur Zeit der Bibel verbinden lassen und die mich an ihrem Glauben Anteil haben lassen. Im Folgenden erzähle ich von solchen Lebenserfahrungen und bringe sie in einen Dialog mit den Erfahrungen der Menschen in biblischer Zeit.

Lebensatem

heutige Erfahrungen

Ein Kind zwängt, drängt, kämpft sich bei der Geburt aus dem Bauch seiner Mutter. Stundenlang. Dann: Draussen! Die Lebens-Nabelschnur wird gekappt. Sein Vater nimmt es in die Arme, will das Kind der Mutter geben – aber es schreit nicht! – – – Ärztinnen rennen, Sauerstoffmasken werden aufgesetzt, gewechselt, wieder aufgesetzt, Hektik, unsägliche Angst. Da plötzlich ein Auf-Schlucken-und-Ein-Atmen – ein Schrei! Es atmet! Es lebt!

Bin zu einem Sterbenden, den ich nicht kenne, ans Krankenbett gerufen. Er liegt da, im Bett, ganz verkrampft. Ich denke, er hört mich nicht mehr. Dennoch spreche ich ihn an. Da richtet er sich auf, klammert sich an mich wie ein kleines Kind. Ich halte ihn in meinen Armen, bete mit ihm, schweige mit ihm, halte ihn. Nach einer Ewigkeit löst er sich, entspannt sich, entkrampft sich, legt sich zurück ins Bett – und haucht seinen Geist aus: tief, kraftvoll-sanft, vertrauensvoll. Wo ist er jetzt?

Im ersten Buch der Bibel heisst es: «Da bildete der Gott Jhwh den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen» (Genesis 2,7). Nach biblischem Verständnis schafft Gottes Geist Leben (Psalm 104,30; Sacharja 12,1). Im Hebräischen wird für den Geist Gottes zumeist das Wort Ruach gebraucht. Ruach hat ein grosses Bedeutungsspektrum: Wind, Windhauch, Sturm, Atem, Leben, Lebensatem, Lebendigkeit, Geist. Die Ruach Gottes schafft das Leben aller Menschen und Tiere. Dies ist die biblische Ausdrucksweise und Grundlegung für den Respekt vor allen Lebewesen und für die unveräusserliche Würde aller Menschen: Jeder Mensch – Frau*Mann, Kind, Greis, gesund, krank – ist gleichermassen Gottes Ebenbild (Genesis 1,27).

Louise Schneider (86j.), Bern: Geld für Waffen tötet

Widerstandskraft Gottes

heutige Erfahrung

Zwei betrunkene Männer begrabschen eine junge Frau im Zug. Eine kleine, alte Frau faucht die Besoffenen an: «Das tut man nicht!» – ihre Augen blitzen vor Zorn. Die Besoffenen sind perplex, sie gehen und getrauen sich nicht einmal mehr zu gröhlen.

Widerstand gegen jede Menschenverachtung, Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt sind seit jeher Zeichen des prophetischen Wirkens des Geistes Gottes. So etwa beim kleinen Schafzüchter und Maulbeerfeigenpflanzer Amos: Im 8. Jh. v. Chr. herrschte in Israel Hochkonjunktur, von der jedoch nur eine kleine Oberschicht profitierte: die Könige, welche Kriegspolitik zur eigenen Machtsteigerung betrieben, die vom König abhängigen Militärs, Beamten, Hofpropheten und -priester sowie Kaufleute und Grossgrundbesitzer. Diese Mächtigen entwickelten unter anderem ein Kreditsystem, das die kleinen Leute in die Armut und Abhängigkeit trieb: Unzähligen Kleinbauern wurde der Acker, das Vieh und das Haus zuerst gepfändet, dann enteignet; schliesslich wurden die Bauern und ihre Familienangehörigen gemäss antikem Recht (Personenhaftung) als Sklaven verkauft. In dieser sozialgeschichtlichen Misere trat Amos als Prophet auf, um die Schandtaten der Mächtigen seiner Zeit aufzudecken und ihnen mit Gottes Zorn und Gerechtigkeit zu drohen.

Auch Jesus von Nazaret stand in dieser jahrhundertealten prophetischen Tradition und leistet den Ungeistern seiner Zeit wirkmächtigen Widerstand. Nach dem Lukasevangelium begann Jesus sein öffentliches Wirken wie folgt:

Jesus «kam nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, 17 reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht:

18 Der Geist Gottes ruht auf mir; denn Gott hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze 19 und ein Gnadenjahr Gottes ausrufe.

20 Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. 21 Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.» (Lukasevangelium 4,16-21).

Nach dem Lukasevangelium nahm Jesus diesen prophetischen Geist des Widerstands und der Befreiung bereits mit der Muttermilch auf. Denn nachdem der Engel Gottes Maria aufgesucht und die Geburt Jesu verheissen hatte, ging Maria zu Elisabeth und stimmte einen Lobpreis Gottes an, der unmissverständlich sozialkritisch-prophetische Aussagen enthält:

«Meine Seele preist die Grösse Gottes und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. 48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. 49 Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan, und sein Name ist heilig. 50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn ehren. 51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; 52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, 55 das er unseren Vorfahren verheissen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.» (Lukasevangelium 1,46-55)

Dieses sogenannte Magnificat wird seit Jahrhunderten in christlichen Klöstern und überhaupt von Christ*innen gebetet. Wo verbreitet es seine Wirkung heute? Was muss geschehen, dass sich diese Visionen erfüllen?

Franz Anton Maulbertsch, 1771 n. Ch. (Kathedrale von Vác, Ungarn)

«…der Geist macht lebendig»

heutige Erfahrung

Eine Frau wurde von ihrem Ehemann jahrelang geschlagen. Endlich wagte sie die Trennung. Jahre später verliebte sie sich in einen anderen Mann. Sie zogen zusammen, erlebten Glück, Zärtlichkeit, vertrauensvolle Liebe. Als das Paar die Ausschreibung einer Pfarreireise sah, getraute es sich nicht, sich für die Reise anzumelden, da ja die römisch-katholische Morallehre das Konkubinat und die Wiederverheiratung Geschiedener ablehnt. Erst nach gutem Zureden kamen sie dennoch mit.

Der Apostel Paulus schreibt: «Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig»(2. Korintherbrief 3,6). Dies gilt für alle religiösen Gebote und Verbote. Sie müssen immer nach ihrem Sinn und Geist befragt werden: Inwieweit dienen sie dem Wohl der Menschen – sowohl des Einzelnen wie auch der Gesellschaft? Inwieweit werden die überlieferten Gebote ihrem Sinn und Geiste nach der heutigen Situation gerecht? Inwieweit sind die Gebote Ideale, die im konkreten Leben nur mit einer grossen Portion Barmherzigkeit lebbar sind? Jesus Christus hat diese Frage nach dem Sinn und Geist der göttlichen Gebote vorgelebt und gelehrt: «Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat» (Markusevangelium 2,27). Mit andern Worten: Religiöse Gebote müssen dem Wohl des Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Der lebendig machende Geist muss daher die Kirchen immer wieder neu durchwehen, erneuern und verändern. Denn: «Nur die Feinde der Kirche wollen, dass sie bleibt, wie sie ist» (Kardinal Henri de Lubac SJ, 1896–1991 n. Chr.).

Treue zum Evangelium bedeutet daher ein immer wieder neues Suchen und Fragen nach dem Willen Gottes für unsere Zeit und ein Offensein für Veränderungen.

Gottesgeburt und Menschwerdung

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Vater Himmel, Mutter Erde

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