Auferstehungsglaube und heutige Erfahrungen

Eine repräsentative Umfrage hat vor ein paar Jahren gezeigt, dass in der Schweiz noch etwa 14% der Bevölkerung an eine Auferstehung zu einem Leben nach dem Tod in einem christlichen Sinne glauben. Das war zur Zeit Jesu jedoch gar nicht so anders! Auch da war die Frage der Auferstehung sehr umstritten. Wie sollten wir also heute, fast 2000 Jahre später, einen Zugang zu den neutestamentlichen Aussagen über den Glauben an die Auferstehung erlangen können?

Vielleicht ist uns manchmal zu wenig bewusst, wie wenig selbstverständlich schon zur Zeit Jesu seine Botschaft und der Glaube an ihn und die Auferstehung waren. Das Markusevangelium erzählt noch und noch von dem Unglauben, Unverständnis und Zweifel gerade jener, die mit Jesus unterwegs waren. Und gemäss dem Lukasevangelium hielten die Apostel Jesu die Botschaft der Frauen, dass Jesus auferstanden sei, zunächst für «leeres Geschwätz» (Lk 24,11).

Gibt es für uns moderne Menschen einen Zugang zu dem im Neuen Testament bezeugten Auferstehungsglauben? Ich habe mich gefragt, welche persönlichen Erfahrungen wir im Leben hier und jetzt machen können, die sich mit biblischen Aussagen zur Auferstehung verbinden lassen. Für mich sind es vor allem drei heutige Erfahrungen, die meinen Glauben an die Auferstehung bestärken.

Eine Frage der Schönheit, der Gutheit, des Sinns

Ich glaube an die Auferstehung, weil diese Welt wunderschön ist. Dem in Bezug auf religiöse Fragen nicht gerade unkritischen Dante Alighieri (1265-1321 n. Chr.) wird der Satz zugeschrieben: «Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Die Sterne in der Nacht, die Blumen am Tage und die Augen der Kinder.» Nach dem Matthäusevangelium hat auch Jesus die Schönheit der Welt in sein theologisches Reden und sein Leben aufgenommen: «[…] Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.» (Mt 6,28f)

Viele Menschen kennen Momente in ihrem Leben, in denen sie zutiefst ergriffen sind von der Schönheit und der Sinnhaftigkeit dieser Welt: Bei der glücklichen Geburt eines freudig erwarteten Kindes. In einer erfüllenden sexuellen Vereinung. In einem einsamen Bergtal, wo die vollkommene Stille erlebt, der eigene Herzschlag wahrgenommen und auf einmal gefühlt und gewusst wird: Ich lebe, ich bin.

Solche und viele andere Erfahrungen bedeuten ein Ergriffensein, das unseren Verstand übersteigt. Ein Ergriffen sein vom Geschenk des Lebens. Ein Staunen darüber, dass all das ist, was ist – und nicht vielmehr nichts ist. Eine Erkenntnis, dass das Leben in all seiner Vielfalt und Schönheit und das Universum nicht selbstverständlich sind. Aus dieser Ergriffenheit heraus wächst mein Vertrauen, dass unsere Welt einen guten Ursprung hat und eine Wirklichkeit, die unsere menschlichen Vorstellungsmöglichkeiten bei weitem übersteigt – biblisch Geist Gottes genannt – unsere Welt durchflutet und am Leben hält. Dieser Schöpfungskraft Gottes aber traue ich es auch zu, dass sie uns einzelne Menschen wie auch die ganze Schöpfung einmal in ein neues Leben ruft, einmal von neuem erschafft.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Doch wie ist es mit den dunklen Erfahrungen in dieser Welt, den Erfahrungen des Fressens und Gefressenwerdens, des Schreckens, des Unglücks und des Leids? Sie sind für mich der zweite Grund, warum ich an die Auferstehung glaube: Ich glaube an die Auferstehung, weil sie eine Frage der Gerechtigkeit ist. Dies wurde mir einmal mehr klar bei einem Mann, den ich beerdigen durfte, beerdigen musste: Er wurde gleich nach seiner Geburt verdingt, im wortwörtlichen Sinne. Die ganze Kindheit über wurde er geschlagen und ausgebeutet. Er konnte keinerlei Ausbildung machen und fiel schon in seinem jungen Leben von einem Loch ins andere. Dennoch kämpfte er ehrlich und mit allen Kräften gegen seine schrecklichen Umstände an. Endlich, bald 40-jährig, fand er bei einem Unternehmen eine bescheidene Arbeit, die ihm Freude bereitete. Er schöpfte neue Hoffnung und Zuversicht. Doch kein halbes Jahr später wurde die Stelle gestrichen, weil die Rendite erhöht werden «musste». Einmal mehr brach die Welt für diesen Menschen zusammen. Und diesmal fehlte ihm die Kraft um weiterzuleben, er beging Suicid.

Dies ist nur eine von vielen konkreten Begegnung mit Menschen, die mich in der Überzeugung bestärken, dass ich an eine Auferstehung der Toten glauben will: Wenn es einen gerechten Gott gibt, einen Gott, der ein erfülltes und glückliches Leben aller Menschen will, dann wird Gott diesen Mann bei sich aufnehmen, seine Wunden, die ihm schon in der Kindheit mit Riemen geschlagen wurden, heilen, seine Tränen trocknen. Natürlich darf Auferstehungsglaube nie als Jenseitsvertröstung missbraucht werden. Vielmehr muss dieser Glaube ins Leben hier und jetzt hineinwirken, mein Engagement hervorrufen für eine gerechte Gesellschaft.

Eine andere, aber dennoch vergleichbare Erfahrung haben auch die Jünger*innen mit Jesus gemacht: Sie sind in Jesus einem Menschen begegnet, der jenen, die ihm begegneten zu Würde und Heil verholfen hat. In ihm erkannten sie die Liebe Gottes zu allen Menschen. Auf ihn setzten sie ihre ganze Hoffnung. Doch dann wurde Jesus ans Kreuz geschlagen wie ein Verbrecher. Und seine letzten Worte nach dem Markusevangelium waren ein einziger Schrei: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mk 15,34).

Marc Chagall, Kreuzigung (1960 wikiart)

Man kann sich das Entsetzen und die Enttäuschung der Jünger*innen vorstellen. Man kann verstehen, dass die Jünger flohen, dass sie das Schreckliche nicht mehr aushielten. Man könnte auch verstehen, wenn sie ihren Glauben an Gott ganz und gar verloren hätten. Doch: Wenn es einen gerechten Gott gibt, dann kann das Kreuz nicht das Letzte sein. Und so ereignete sich durch die Erfahrung von Leiden und Tod hindurch das grosse Wunder von Ostern: Der Glaube erwachte, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. – Dass es einen solchen Glauben überhaupt gibt, ist das tieferliegende und über sich hinausweisende Wunder.

Eine Frage der Liebe

Es wird kein Zufall sein, dass es die Frauen sind, allen voran Maria Magdalena, die zu den ersten Botschafterinnen der Auferstehung wurden: Sie hatten am Kreuz ausgeharrt. Sie gingen zum Grab hin. Sie vernahmen die Botschaft: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden» (Lukasevangelium 24,5f). Durch die Liebe Gottes ist Jesus auferweckt worden; durch die Liebe dieser Frauen zu Jesus kommen sie selber zum Glauben an den Auferstandenen. Durch ihre Liebe zu Jesus wird die Botschaft weiter getragen zu den Jüngern und zu uns heute.

Dies ist der dritte Grund, der mich im Glauben an die Auferstehung bestärkt: Ich glaube an die Auferstehung, weil ich an die Liebe glaube. Auch dies ist verbunden mit alltäglichen Erfahrungen: Je mehr wir einen Menschen lieben, desto grösser ist der Schmerz, wenn dieser Mensch stirbt. Unser Herz, unsere Liebe aber hofft, dass es dem Menschen, den wir geliebt haben und immer noch lieben, gut geht, an dem Ort, wo er jetzt ist – und dass dieser Mensch uns vorausgegangen ist in eine Welt, die wir mit unseren Augen nicht sehen können, die wir nur erahnen und erhoffen können: vorausgegangen zu Gott – wo wir den geliebten Menschen einst wiedersehen.

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