Kirche – Zeichen und Werkzeug des Heils

Wozu ist die Kirche gut? Würde man die Menschen befragen, die irgendwo «in» der Kirche anzutreffen sind, so bekäme man wohl die unterschiedlichsten Antworten.

Was Menschen in der Kirche suchen und finden

Die einen suchen klassische geistliche Musik, die sie berührt und ihr Herz öffnet. Oder die grossartige Architektur einer romanischen Kirche, die etwas vom Geheimnis Gottes zum Klingen bringt. Mütter und Väter bringen ihre Kinder zur Taufe in die Kirche. Sie drücken ihre Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens aus und bitten um Gottes Segen. Die Teilnehmenden an einer Bibelgruppe oder einem Bibelseminar lesen mit anderen die Fragen ihres Lebens in die Bibel hinein und suchen gemeinsam nach Antworten. Andere haben einen lieben Menschen verloren. Die Rituale der Kirche vermitteln Halt, die Hoffnung auf die Auferstehung und ein ewiges Leben sind Trost in einer schweren Zeit. Jugendliche engagieren sich als Gruppenleiter*innen in kirchlichen Jugendbewegungen. Sie erleben Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung, erfahren und vermitteln Werte. Eine Alleinerziehende sucht Beratung und finanzielle Unterstützung beim Sozialdienst einer Pfarrei oder eines Hilfswerks. Andere engagieren sich in einer Eine-Welt-Gruppe. Sie suchen und engagieren sich für die Vision einer Welt, in der es für alle genug hat.

Dies und noch viel mehr suchen und finden Menschen in der Kirche. 
In einer Zeit, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, in irgendeiner Form zu einer der grossen Kirchen zu gehören, suchen Menschen nach den «Ressourcen», die die Kirche für ein gelingendes Leben, für die Fragen des Menschseins, in den drängenden Problemen der Gesellschaft und der Welt zu bieten hat. 
Und dieses Reservoir ist gewaltig. In den 2000 Jahren des Christentums haben Frauen und Männer immer neu darum gerungen, ihrem Glauben in ihrer Zeit mit ihren Fragen Ausdruck zu geben. Sie haben grossartige Liturgien zum Lob Gottes entwickelt, sie haben Lieder gedichtet und gesungen, sie haben grossartige Gotteshäuser gebaut. Mystiker*innen haben ihre Erfahrungen niedergeschrieben, Theolog*innen um die Fragen des Glaubens gerungen. Männer und Frauen haben Arme gespeist, Kinder aufgenommen, Spitäler gebaut, Gerechtigkeit und Solidarität gelebt und eingefordert (auch von der Kirche selbst).
Und sie tun es bis heute. Wenn es einen Reichtum der Kirche gibt, dann sind es die Menschen, die sich von Jesus und seiner Sache haben ergreifen, begeistern, bewegen lassen.
An ihnen wird deutlich, wie Gott in dieser Welt und in seiner Kirche gegenwärtig ist: Gott handelt an Menschen und Gott handelt durch Menschen.

Zeichen und Werkzeug des Heils

Das Zweite Vatikanische Konzil hat dieses Kennzeichen von Kirche in ein neues Bild bzw. in einen neuen Begriff gegossen. Das Konzil spricht von der Kirche als «Sakrament», als Zeichen und Werkzeug des Heils, das Gott für alle Menschen wirken will.
Kirche ist Zeichen des Heils. An der Kirche soll und kann man die Sorge Gottes für die Menschen und seine Welt sehen ablesen. Menschen teilen in einem Gottesdienst miteinander das Brot. In ihrem Beten und Singen lassen sie sich stützen und stärken in ihrem Glauben. Ein Kind wird getauft. Die Riten und Symbole erzählen und vermitteln hautnah die Hoffnung, dass das Leben stärker ist als der Tod. Eine Mutter oder ein Vater betet am Bett mit den Kindern und segnet sie. Nähe und Sorge Gottes werden spürbar. Eine Musikband dichtet neue geistliche Lieder. Sie finden neue Worte für eine Hoffnung, die viele Menschen teilen. Eine Basisgruppe und ihr Bischof in Brasilien protestieren lautstark gegen die ungerechte Landverteilung. Sie machen Gottes Vision von einer Erde, die allen gehört, sichtbar. Ordensschwestern auf den Philippinen oder New York stehen Prostituierten bei. Ganz handgreiflich wird, was es heisst, dass Gott allen nachgeht, die verloren sind, die sich selbst verloren haben. Menschen voller Sorgen schreiben ihre Anliegen in das Fürbittenbuch einer Kirche. Sie wissen, andere Menschen werden sich mit ihnen im Gebet verbinden. Männer und Frauen ziehen sich zu Stille und Meditation zurück. Sie erfahren, welche Kraft im Wort Gottes ist, wie die Stille ihr Leben verändern kann.

Alle diese Beispiele zeigen: In dieser Kirche wird jetzt schon konkret, greifbar, sichtbar, was Gott für die Menschen tut, was er in Jesus begonnen hat und in der Kirche weiterführt. In dieser Kirche sind Hoffnung und Vertrauen, Solidarität und Kampf für Gerechtigkeit zu finden.

Und zugleich machen diese Beispiele deutlich, dass Kirche Werkzeug des Heils ist. Gott wirkt in die Geschichte und an Menschen. Aber er kann es nur durch Menschen. Es braucht den Priester, der das Kind mit Wasser übergiesst und von dem Vertrauen, das dieses Ritual ausdrückt, erzählt. Es braucht die Theologin, die glaubwürdig das Evangelium vorträgt und auslegt. Es braucht die Mütter und Väter (und Grosseltern), die in Kindern ein Vertrauen in sich, in die Welt und Gott wachsen lassen. Es braucht die Sozialarbeiterin und den Seelsorger, die das Auf und Ab von Menschen in Not mitgehen und so die Treue Gottes sichtbar machen. Es braucht die Männer und Frauen, die andere in ihre Gebete einschliessen. Es braucht den Beichtvater, der einem Menschen die Vergebung seiner Sünden zuspricht. Es braucht die Journalisten, die Gewerkschafterinnen, die Ordensfrauen, und -männer, die prophetisch gegen Unrecht anschreien. Es braucht sie, weil anders gar nicht sichtbar und erfahrbar werden könnte, wofür Gott steht.

Gott könnte ohne Menschen nicht wirken. Er macht sich abhängig vom Menschen und seiner Bereitschaft, sich rufen und senden zu lassen. Das galt für Moses, das galt für Jesus, das gilt bis heute. Und dafür kann und will Gott nicht nur auf perfekte Menschen bauen. Kirche ist Werkzeug des Heils. Aber nicht weil die Menschen der Kirche so authentisch, so vollkommen, so voller Hingabe sind. Sondern weil Gott Menschen rufen will und diese Menschen sich rufen lassen.

Licht der Welt?

Dass Kirche in diesem Zeichen und Werkzeug von Gottes Gegenwart und Liebe ist, darüber darf sie sich freuen. Und zugleich ist es die dauernde Herausforderung, sich bewusst zu bleiben, dass Gott Quelle und Ursprung aller Hoffnung, jeder Liebe, allen Glaubens bleibt.
 In und an der Kirche handelt Gott. Aber die Grenzen der Kirche sind nicht die Grenzen von Gottes Wirksamkeit. Auch ausserhalb der Kirche handelt Gott, gibt es Wahrheit, Glaube, Vertrauen, Hoffnung, tätige Liebe.

Kirche ist Zeichen. Sie darf sich dankbar freuen über alles Leben, das in der Kirche erfahrbar ist. Sie darf darauf vertrauen, dass Jesus in ihr lebt in seinem Geist. Dass Gott ihren Weg in Treue mitgeht. Aber das ist keine Garantie, dass es in der Kirche nicht auch Um- und Irrwege geben könnte. Dass ihr Handeln Gottes Nähe nicht auch verstellen kann.

Jesus selbst hat einmal die Gemeinschaft, die ihm folgt als «Licht der Welt» (Matthäus 5,14) bezeichnet. Sie kann für die Menschen Licht in der Dunkelheit sein. Doch das eigentliche «Licht», Leben und Wahrheit ist Jesus (vgl. Johannes 8,21).
 Die Theologen der frühen Kirche haben das in ein schönes Bild gebracht: Wenn Christus die Sonne ist, dann ist die Kirche der Mond. Sie ist keine eigene Lichtquelle, sondern sie spiegelt das Licht. Kirche wird diese Begrenztheit, diese Vor-läufigkeit ihres Handelns und ihrer Strukturen nie ablegen können. Sie darf es auch nicht: denn sie ist Vor-läuferin. Sie ist sozusagen der Vorlauf des Heils: In der grossartigen Vision vom endgültigen Heil Gottes, das im 22. Kapitel der Offenbarung des Johannes entworfen wird, braucht es in der neuen Stadt Gottes keinen Tempel mehr. Denn das Licht Gottes erfüllt alles.

Wussten Sie schon, ….

«Wussten Sie schon, 
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann?
Wussten Sie schon,
 dass die Nähe eines Menschen
gut machen, böse machen, traurig und froh machen kann?
Wussten Sie schon,
 dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt?
Wussten Sie schon,
 dass die Stimme eines Menschen einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt, der für alles taub war?
Wussten Sie schon,
 dass das Wort oder das Tun eines Menschen
wieder sehend machen kann, einen
der für alles blind war, der nichts mehr sah, 
der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und seinem Leben?
Wussten Sie schon,
 dass das Zeithaben für einen Menschen
mehr ist als Geld, mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr als eine geniale Operation?
Wussten Sie schon,
 dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt, 
dass das Wohlwollen Zinsen trägt, 
dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt?
Wussten Sie schon,
 dass das Tun mehr ist als Reden?
Wussten Sie das alles schon?»

Wilhelm Willms (4.11.1930-25.12.2001)

Vater Himmel, Mutter Erde

«Warum haben die christlichen Kirchen Mutter Erde vergessen und nur auf Vater Himmel fokussiert?» So fragte vor ein paar Wochen eine Leserin in…

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