Vom Weinen, Klagen und Fluchen

Nicht weinen!?

«Indianer weinen nicht!» Sicher haben Sie diesen Spruch auch schon gehört. Die Indianer, so wird behauptet, seien grosse Meister im Ertragen von Schmerzen. Lautlos und ohne mit der Wimper zu zucken würden sie das ihnen zugefügte Leid auf sich nehmen. Ganz so heroisch sind wir nicht – zum Glück!

Doch manchmal scheint es mir, in christlichen Kreisen gäbe es ein Wein- und Trauerverbot. Immer wieder treffe ich auf Frauen und Männer, die tief in sich drin die Überzeugung mit sich herumtragen, dass Gläubige eigentlich nicht trauern müssen oder dürfen. Weinen, Klagen und Zweifeln gelten unbewusst als Glaubensschwäche. Sie sind, so die Meinung, menschlich und verständlich, nicht jedoch christlich. Doch wohin will uns das Christsein führen, wenn nicht in unser Menschsein? Wer weder Angst noch Tränen kennt, ist ein verstümmelter Mensch. Der Tod, so betont der Walliser Theologe Johannes Brantschen, ist ein Schlag ins Gesicht der Liebe. Wer liebt, trauert um den Verlust seiner Liebsten, leidet mit den Elenden mit, schaudert vor Entsetzen angesichts der Ungeheuerlichkeiten, zu denen der Mensch fähig ist. «Christen, die nicht weinen und meinen, sie seien besonders glaubensstark, sollten sich nicht täuschen. Gott kann ihnen am Ziel nicht einmal die Tränen abwischen.» (Johann Albrecht Bengel)

Biblische Ermutigung

Werfen wir ein Blick in die Bibel, sehen wir, dass Unerschütterlichkeit kein Zeichen von Glaubensstärke ist. Denken wir an Jesus, der sich in der Nacht vor seiner Hinrichtung im Garten von Getsemani auf den Boden wirft und verzweifelt um einen Ausweg aus seiner bedrohlichen Lage bittet (vgl. Markus 14,32-36). Oder an seinen Schrei am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Markus 15,34) Wer glaubt, darf die Dramatik des Leidens in seiner ganzen unversöhnten Härte offenlegen und vor Gott zur Sprache bringen. Das Buch der Psalmen präsentiert uns eine Reihe von Klage- und Fluchpsalmen. Das Beispiel Ijobs zeigt, dass Klagen und Anklagen erlaubt, ja, gar empfohlen sind.

Denn nicht die Freunde, die Ijob in seiner Verzweiflung zurechtweisen und seine Rede als Gotteslästerung empfinden, sondern Ijob, der in seiner Gottesklage bis zum Äussersten geht, wird am Schluss des Buches von Gott bestätigt. Ihm allein wird bescheinigt, recht von Gott geredet zu haben (vgl. Ijob 42,7).

«Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. Jener Tag werde Finsternis, nie frage Gott von oben nach ihm, nicht leuchte über ihm des Tages Licht. 5 Einfordern sollen ihn Finsternis und Todesschatten, Gewölk über ihn sich lagern, Verfinsterung am Tag mache ihn schrecklich. 6 Jene Nacht, das Dunkel raffe sie hinweg, sei reihe sich nicht in die Tage des Jahres, sie gehe nicht ein in die Zahl der Monde. 7 Ja, diese Nacht sei unfruchtbar, kein Jubel komme auf in ihr. 8 Verwünschen sollen sie die Verflucher der Tage, die es verstehen, den Levíatan zu wecken. 9 Verfinstert seien ihrer Dämmerung Sterne; sie harre auf Licht, jedoch umsonst; die Lider der Morgenröte schaue sie nicht. 10 Denn sie hat die Pforten an meiner Mutter Leib nicht verschlossen, nicht das Leid verborgen vor meinen Augen. 11 Warum starb ich nicht vom Mutterschoβ weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich? 12 Weshalb nur kamen Knie mir entgegen, wozu Brüste, dass ich daran trank? 13 Still läge ich jetzt und könnte rasten, entschlafen wäre ich und hätte Ruhe, 14 bei Königen, bei Ratsherren im Land, die Grabkammern für sich erbauten, 15 oder bei Fürsten, reich an Gold, die ihre Häuser mit Silber gefüllt. 16 Wie die verscharrte Fehlgeburt wäre ich nicht mehr, Kindern gleich, die das Licht nie geschaut. 17 Dort hören Frevler auf zu toben, dort ruhen aus, deren Kraft erschöpft ist. 18 Auch Gefangene sind frei von Sorgen, hören nicht mehr die Stimme des Treibers. 19 Klein und Gross ist dort beisammen, der Sklave ist frei von seinem Herrn. 20 Warum schenkt er dem Elenden Licht und Leben denen, die verbittert sind? 21 Sie warten auf den Tod, doch er kommt nicht, sie suchen ihn mehr als verborgenen Schätze. 22 Sie würden sich freuen und jubeln, sie würden frohlocken, fänden sie das Grab. 23 Wozu Licht für den Mann auf verborgenem Weg, den Gott von allen Seiten einschliesst? 24 Bevor ich noch esse, kommt mir das Seufzen, wie Wasser strömen meine Klagen hin. 25 Was mich erschreckte, das hat mich getroffen, wovor mir bangte, das kam über mich. 26 Noch hatte ich nicht Frieden, nicht Rast, nicht Ruhe, da kam neues Ungemach heran.» (Ijob 3,3-26)

Die unverständliche Seite Gottes

Das Buch Ijob zeugt von der Erfahrung des widersprüchlich einen Gottes. Während die Freunde zu wissen scheinen, wo Gott hockt, ringt Ijob mit dem abwesenden, sich verbergenden Gott. Er klagt und flucht und lässt in diesem seinem Klagen und Fragen nicht ab von Gott. Ijob steht mit Gott in Beziehung, selbst da, wo er am tiefsten Abgrund um den Abbruch der Beziehung bittet – lass mich! Sein Leiden führt ihn nicht in den Atheismus. Es sprengt jedoch das Gottesbild, das die Ordnung zwischen Gott und Mensch an den Kategorien von Strafe, Lohn und Vergeltung festmacht. Ijob hat nichts, das er in diese Lücke setzen könnte. Die schmerzhafte Erfahrung, dass er sein Leiden, dass er Gott nicht versteht, bleibt. Auch dies gehört zum Glauben dazu: die dunkle, unverständliche Seite Gottes. Gott ist nicht einfach nur lieb und nett und gnädig. Der «liebe Gott» ist eine Verniedlichung. Die biblische und christliche Tradition kannte immer auch das Rätselhafte und Abgründige in Gott. Gott schweigt, wo wir Antwort suchen. Er ist nicht da, wenn wir ihn dringend brauchen.

«… und bete ins Dunkel, dass es zerreisst» (E. Ginsberg)

In einem gewissen Sinn macht es uns der Glaube nicht unbedingt einfacher. Wie schön wäre es doch, Erklärungen zur Hand zu haben oder einfach wegzuschauen. Der Glaube gönnt uns diese Blindheit nicht. Er führt uns die Widersprüche des Lebens vor Augen, er macht uns verletzlich und lässt uns angesichts von Leid und Ungerechtigkeit immer wieder fragen: Warum? Für wen? Wo führt das hin? Der Glaube unterbricht den «courant normal» und fragt nach Alternativen. Er gibt der Sehnsucht Raum und hält unsere Hoffnung wach: die Hoffnung auf ein Leben in Fülle, für alle!

«1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde […] 3 Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. 4 Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.» (Offenbarung 21,1.3-4)

Vater Himmel, Mutter Erde

«Warum haben die christlichen Kirchen Mutter Erde vergessen und nur auf Vater Himmel fokussiert?» So fragte vor ein paar Wochen eine Leserin in…

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