Schöpfung – (Gottes) Vision einer guten Welt

Sehen lernen

Auf die Frage, was er mit seinem Leben eigentlich wolle, antwortete der Theologieprofessor und Bibelübersetzer Fridolin Stier: «Ich möchte sehen (lernen).» Was er damit wohl meint? Mit denselben Worten, so erzählt uns das Markusevangelium, antwortete der blinde Bartimäus auf die Frage Jesu: «Was willst Du?» und wurde geheilt. Fridolin Stier aber ist des Sehens mächtig. Er hat sein Augenlicht nicht verloren. Wir alle kennen die Erfahrung, dass wir sehen und doch nicht sehen. Wir gehen unaufmerksam durch die Welt, haben unsere blinden Flecken, sehen nur, was wir sehen wollen.

Mit welchen Augen sehen wir die Welt?

Juri Gagarin, der erste Mensch im All, erzählt nach seinem spektakulären Flug, er habe Gott «dort oben» nicht getroffen. Andere Astronauten berichten vom Wunder Erde, von der Schönheit des blauen Planeten und davon, wie ihnen klar wurde, dass wir zu unserer Wohnstatt Sorge tragen müssten. Gagarin verstand sich wohl als Realist, für den nur «Tatsachen» zählen. Alles ist berechenbar und im Grunde auch machbar. Für Gott oder die Religion hat es in dieser Welt, mag sie noch so gross sein, keinen Platz. Während der eine nur glaubt, was er sieht, lassen die anderen sich berühren. Sie sehen mehr als das nur Greif- und Messbare. Ihre Wirklichkeit hat Tiefendimension.
Viele Physiker*innen sind tief religiös. Als Forscher*innen versuchen sie, die Welt zu erklären, sie in ihren Abläufen und Funktionen zu erfassen und exakt zu beschreiben. Als religiöse Menschen staunen sie über die Zusammenhänge, die Vielfalt der Phänomene und setzen diese in Verbindung mit einer göttlichen Kraft. Damit vereinen sie zwei Sichtweisen in sich, die sich lange beargwöhnten, ja, sogar bekämpften. Wir haben zum Glück wieder gelernt, die Welt mit mehreren Augen zu sehen.

Erzählungen, Bilder, Symbole und Riten

Für die Religionen ist die Wirklichkeit geheimnisvoll wie ein tiefer Brunnen, in dessen Grund das Wasser schimmert. Sie gehen davon aus, dass hinter, über, jenseits von allem Sicht- und Greifbaren etwas Unsichtbares und Ungreifbares verborgen ist. In allem wirkt ein Geist, eine Kraft, eine Weisheit, die sie Gott, Allah, Jahwe, Atman nennen. Mit Geschichten und Bildern versucht die jüdisch-christliche Religion das Geheimnis zu beschreiben, dass die Menschen sind, dass Gott mit ihnen geht, in die Geschichte eingreift, Menschen rettet und in seiner Güte birgt. In Symbolen und Riten geben sie ihrem Glauben Ausdruck und öffnen sich der göttlichen Liebe. Eine dieser alten Erzählungen ist die Schöpfungsgeschichte.

Die Schöpfungsgeschichte: Keine Erklärung der Welt

Im ersten Kapitel erzählt die Bibel, dass Gott die Welt erschaffen hat. In sieben Tagen schuf er
Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und die Menschen (Genesis 1). Ein Text, der bei vielen
Zeitgenossen, vielleicht auch bei Ihnen, Unbehagen auslöst. Heute wissen wir, dass das Leben sich über Millionen von Jahren entwickelte. Die Physik versucht mit unterschiedlichen Modellen den Ursprung des Alls zu erfassen. Wir brauchen Gott nicht, um die Welt zu erklären! Auch nicht, so lässt sich zum Glück anfügen, für das (noch) nicht Erklärbare. Für die Erforschung, die exakte Beschreibung und Erfassung der Weltabläufe sind die (Natur)Wissenschaften zuständig. Ist damit der Schöpfungsbericht nicht völlig überholt? Ja, ist es nicht naiv, an diesem alten Text festzuhalten? Nein. Denn die Fragen, auf die sie eine Antwort zu geben versucht, treiben uns immer noch um. Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Was für ein tieferer Sinn liegt dahinter, dass es Männer und Frauen gibt? Wo gehören wir hin? Was gibt uns Halt? Die Wissenschaften vermögen unseren Hunger nicht zu stillen. Wir wollen mehr als Erklärungen. Wir fragen nach dem Sinn, suchen Lebensmut, Orientierung, Geborgenheit.

Im Grunde ist es gut

Schauen wir genauer hin, sehen wir, dass die Bibel die Erschaffung des Menschen gleich zweimal nacheinander, in sehr unterschiedlicher Weise erzählt. Es ist den Schreibenden offensichtlich wichtig, festzuhalten, dass Gott die Menschen erschuf – als Mann und Frau (Genesis 1), als Erdlinge, d.h. als Wesen aus demselben Stoff wie die Erde (Genesis 2). Es ist die Verfasstheit der Menschen, die interessiert, nicht wie sie entstanden sind. Damit geht es auch um uns. In unsere Schwierigkeit, Frau (Mann) zu sein, in die Schwierigkeit, in diesem meinem Leib zu sein, Grenzen zu akzeptieren, auf dem Boden zu bleiben, wird hier gesagt, im Grunde ist es gut. Wir sind es gewohnt, diese «Ursprungserzählungen» zeitlich in weiter Ferne anzusiedeln. Übersetzen wir die Worte «im Anfang» wie die Lateiner mit «im Prinzip», rücken die Texte näher. Es geht nicht um einen fernen Anfang, den wir verspielt, nicht um das Paradies, das wir verloren haben. Es geht um unser spannungsvolles Dasein, um diese unsre Erde. «Eigentlich schuf Gott Himmel und Erde», formuliert der biblische Text behutsam. Dass hinter allem (ein guter) Gott steht, können wir nicht beweisen. Wir können es nur glauben. Dies fällt uns manchmal schwer, doch es verändert unsere Welt.

Ein Schöpfungslied

Im Grunde ist die Schöpfungsgeschichte keine Geschichte, sondern ein Lied. Da sind Menschen, die das Leben, ja, den ganzen Kosmos besingen. Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Wasser und Land, Vögel und Fische, Mensch und Tier, Mann und Frau. Die ganze Vielfalt und Schönheit der Welt wird uns vor Augen geführt. Ein lebendiger Reigen. Dieser Blick auf die Welt mag erstaunen, vor allem wenn wir hören, dass die Menschen, die so singen, fernab der Heimat leben. Deportiert aus ihren Dörfern und Städten sind sie gezwungen, fremdes Brot zu essen. Sie wissen um die Bedrohung des Lebens. In Genesis 6 erzählen sie, wie die mächtigen Fluten des Bösen die Welt an den Rand des Untergangs bringen. Trotz allen Elends halten sie jedoch daran fest: Diese so bedrohte Welt ist eine gehaltene zugleich! Sie findet ihren Grund in Gott. Sie ist sein Werk und nicht das eines bösen Geistes.

«Und Gott sah, dass es gut war.» An Gottes Ja zur Welt, an diesem seinem Versprechen halten die Menschen fest: Es ist gut, es wird gut. Man könnte den hebräischen Text auch übersetzen mit «und Gott sah, dass es gut kommt». Denn die Schöpfung ist nicht abgeschlossen. Es ist kein Vorgang in uralter Zeit. Der jüdisch-christliche Gott ist ein Gott, der Leben schafft, ins Leben ruft, auch heute (noch), immer wieder.

Vision eines Lebenshauses

Die Schöpfungsgeschichte hinterlässt uns auch eine Vision: Die Vision des friedlichen Miteinanders der Menschen. Das alte Israel, ein Kleinstaat an strategisch interessanter Lage, wird von den Grossmächten Ägypten und Babylonien immer wieder unterworfen und besetzt. So auch zur Zeit der Niederschrift unseres Textes. Die verbrannte Erde sehen sie wohl, setzen aber auf die Kraft des Lebens. Es erstaunt mich immer wieder, dass Opfer von Gewalt dieses Blickes fähig sind. So zeichnet unser Text das Bild einer Welt als Lebenshaus, in dem Platz für alle ist. Die Schöpfungsgeschichte ist auch eine kleine Friedensvision. Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: In diesem Weltenhaus gibt es kein Fressen und Gefressenwerden, keine Lizenz zu töten. Im Grunde ist alles da, was es zum Leben braucht!

Du weisst
Du weisst
Die Erde ist schwarz
Du hörst
das Getümmel der Kriege
siehst an allen Enden
vernichtete Orte
da weint dein Herz

Du weisst
die Erde ist
grün und bunt
Deine Augen Spiegel
fangen auf
die blühende Erde
dein Herz frohlockt

Nicht wahr
du liebst
unsre böse herrliche
Erde

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

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