Eintreten in Gottes heilende Dynamik

Zweideutiges. Oder: Leise ist das Wort

Die Sache Jesu war nicht so eindeutig und klar, sie lief nicht so gradlinig und unmissverständlich, wie wir uns das gerne vorstellen. Jesu Umgang mit den Ausgegrenzten und Hilfsbedürftigen seiner Zeit provozierte Fragen wie: «Warum tust Du das?» Wenn Jesus so gefragt wurde, hat er nie ganz klar geantwortet, wie es die Menschen damals erwarteten – und vielleicht auch wir heute erwarten würden. Wir hören von Jesus keine wortreichen Erklärungen, keine lehrreichen Ausführungen, keine zwingenden Argumente, keine schlagenden Beweise, keine Instruktionen. Jesus hat in Bildern gesprochen, Vergleiche angestellt, kleine Geschichten erzählt. Zunächst könnte man meinen, er habe den Fragen ausweichen wollen. Bei genauerem Hinhören merkt man aber, dass Jesus die (einzige) Sprache spricht, die dem Gottesreich bzw. der Rede über Gott angemessen ist. Er sagt: «Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.» (Lukas 17,21) Mit dieser sensiblen Rede von der Anwesenheit Gottes steht Jesus ganz in seiner jüdischen Tradition, die stets Gottes Unverfügbarkeit zu bewahren suchte. Und: Was Jesus sagt, hebt die Freiheit des Gegenübers hervor.

Gesucht: Mitspielerinnen und Mitspieler

Um Gottes Präsenz wahrzunehmen, braucht es offene Augen und Ohren. Das Gottesreich ist eine in Jesu Worten und Taten erfahrbare Wirklichkeit, in die man eintreten kann oder nicht. «Wir haben für euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen.» (Matthäus 11,17) Wenn Jesus seine Mitmenschen mit Kindern vergleicht, die spielen oder sich dem Spiel verweigern, dann ist dies keine Anklage gegen die Spielverderber, sondern eine Einladung: Spielt doch mit! Schliesst euch nicht aus von der Lebendigkeit und Dynamik Gottes. Jesus kann und will die verheissene Verwandlung der Welt nicht alleine bewirken. Das Ankommen des Gottesreiches braucht Mittanzende und Mitfühlende.

Die Heilung der Frau mit Blutungen (Markus 5,24-34)

Zwölf Jahre lang leidet sie an Blutungen, hat vieles von den Ärzten erlitten und ihre ganze Habe aufgebraucht. Nun begegnet die Frau Jesus und sie wird aktiv, sucht Heilung bei ihm. Sie drängt sich von hinten an Jesus heran, um ihn zu berühren. Markus berichtet, dass die Frau sogleich fühlt, wie die Berührung heilsam wirkt, und Jesus die Kraft spürt, die von ihm ausgegangen ist. Damit macht er uns auf etwas aufmerksam. Zwischen Jesus und der Frau breitet sich eine rettende Kraft aus, die von beiden wahrgenommen und bezeugt wird, von den Jüngerinnen und Jüngern jedoch unbemerkt bleibt. «Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?» (Markus 5,31) Es geht in dieser wunderbaren Begegnung nicht um eine objektiv fassbare Machttat Jesu an der kranken Frau. Das griechische Wort für Kraft, dynamis, meint eher eine Kraft im Sinne von Energie. Mit Dynamik bezeichnen wir eine Bewegung, die sich ausbreitet, einen Schwung, der spürbar wird, eine Kraft, die uns beflügelt. Dynamisch ist jemand mit Energie und Ausstrahlung. Es ist die dynamis Gottes, göttliche rettende Kraft, die die Frau an ihrem Leib erfährt. Dazu passt auch, dass die Frau nach Markus am ganzen Körper zittert und sich fürchtet. Die Theologin Ulrike Metternich hat die Deutung dieser Körperzeichen als Angst und Schuldbewusstsein zurückgewiesen. Auch die Hirten auf dem Feld und die Frauen am Grab reagierten auf die Worte des Engels mit Zittern. (Ehr)Furcht und Zittern weisen auf Gottes spürbare Nähe hin. Sie sind in der Bibel feste Bestandteile der Gottesbegegnung.

Kraft der Verwandlung

In der Kraft Gottes steht Jesu Auftreten, seine Predigt, seine Praxis. Und Jesus betrachtet die Geistkraft Gottes keineswegs als sein Privateigentum. Seine Jüngerinnen und Jünger, Paulus, Prisca und viele weitere Frauen und Männer haben Anteil an ihr und schenken sie weiter. Die dynamis Gottes beflügelt. Wo sie wirkt, breitet sich Freude aus. Sie öffnet die Augen für Gottes verborgene Anwesenheit, für die Schönheit des Lebendigen. Sie initiiert Veränderung. Zachäus lässt sie von einem «Geldraffer zu einem Geldverschenker» (U. Metternich) werden. Und unsere Frau? Gesund heisst für viele: wieder leistungsfähig, wieder normal, wieder integriert. Und für sie? Ich vermute, selbst wenn alles beim Alten bleibt, ist nichts mehr, wie es war. Ihre Körpererfahrung war intensiv. «Sie wusste, was geschehen war», schreibt Markus. Sie und die ihr nahe stehen wissen, Unmögliches kann möglich werden, die Verheissung ihren Anfang nehmen, das Heil sich inkarnieren. Etwas hat sich in ihren Körper eingeschrieben, das durch keine neue Krankheit, kein Gebrechen und kein Unglück ausgelöscht werden kann. Verdeckt vielleicht, verschüttet gar, bleibt es da: das Versprechen der Rettung.

Einwurf

Diese Geschichten sind schön, vor allem die vom Oberzöllner Zachäus, der sich mit einem Schlag befreite von allen Zwängen und aller Schuld. Was aber, wenn die Verhältnisse so viel Umkehr, so viel Moral nicht zulassen? Ich denke da an die vielen kleinen Zöllner und Zöllnerinnen, für die ohne Besitz und Vermögen ein solcher Ausstieg unmöglich war, da sie eine Familie durchzubringen hatten. Und: Die blutflüssige Frau suchte Heilung und fand sie. Was aber ist, wenn die Krankheit bleibt? Ein Mangel an Gottvertrauen? Oder ist Heil jenseits des Körpers zu suchen?

 

Das Versprechen der Rettung

Mit dem Gottesreich und der damit verbundenen Verheissung ist die Ganzheit unseres Lebens gemeint. Dafür steht die Heilung der Frau mit den Blutungen. Wenn Lahme gehend und Blinde sehend werden, dann ist das Reich Gottes mitten unter uns greifbar, dann wird Gottes Kraft als Rettung erfahrbar. Doch Heilung und Rettung sind nicht in eins zu setzen. Lukas 11 erzählt von zehn geheilten Aussätzigen, von denen nur einer etwas von Gottes lebendiger und verwandelnder Kraft verstanden hat. Als sie ihm ihre tiefgreifende Erfahrung schildert, sagt Jesus zur blutflüssigen Frau: «Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.» (Markus 5,34). Der Glaube rettet (und nicht: macht gesund). Gerettetsein aber meint Hineingenommensein in Gottes schöpferische Kraft. Gerettetsein ist nicht an körperliches Heilsein gebunden. Auch nicht an moralische Integrität. Und nicht an Reichtum. Wir sind Töchter und Söhne Gottes – mit allem was, uns behindert, mit allem was uns beflügelt.

PS: Damit sollten wir neben die Heilungsgeschichten noch die anderen Geschichten stellen. Jene, die davon erzählen, wie Menschen trotz ihrer Begrenzungen, oder besser: in ihren Begrenzungen Räume des Lebens und des Handelns entdecken. Die Geschichte von Paulus zum Beispiel – oder die Geschichte der Sklavinnen unter den ersten Christen; Geschichten von Menschen, die in der Gebrochenheit ihres Lebens nach Sinn suchen und Sinn leben. Auch diese Geschichten erzählen vom Wirken der Gotteskraft.

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